Kapitel 8: Türme – Höhenluft und niedere Bedürfnisse, Beutefänger und ein Laken umflutet von Polarlicht.

Winde in weiter Höhe, wolkenfrisch mild und hell. Kristallgelbe Strahlenkränze drangen durch die bereits ausgedünnte Atmosphärenschicht hindurch, sternenklar hinabrieselnd, nebeldicht und klirrend fern.
„Ich hasse dich, brauche dich und bleibe mir bloß vom Leib.“ Die Luft flirrte sommerhitzig und ein Vogel entschwebte mit einem Male dem Himmelblau, kam näher und näher und stand dann still. Schwingen wie luftig leichte Sonnensegel und pfefferminzfarben aufleuchtendes Gefieder. Er öffnete den Schnabel, keckerte und Mückenschwärme quollen hervor, mit frisch entleerten Hinterleibern, denn die Eier waren unter der Zunge abgelegt worden, prall, prall und illuminiert übervoll.
Auf dem Boden, dich nebeneinander und Leib an Leib.
„Weg, weg und bleibe fern von mir.“ Eine Fratze, ein Maul, faulige Zahnreihen, weiter weit und dann nur noch Gestank. Jule riss die Augen auf und Hitze raste empor, loderte auf und fraß sich bis in das innerste Gewebefleisch. Brennenden Schemen in zu greller Mittaghitze, Nirwana, Nichts, sie taumelte, sie schwebte und sie fiel hinab.
„Scheiße was ist passiert, will hier raus.“

Als Jule erneut zu sich kam, war das Licht immer noch da, blendend wie ein Sonnentor, gleißend wie eine falsche Himmelserscheinung. Und ihrer Kehle tobte eine Feuersglut, der Wasserkrug, sie trank, die Feuersglut verschwand und das Licht erlosch wirbelnd dunkelfaulig. Traumland, Albtraumland, fremder Atem, zuckende Flanken und Schenkel, so klebrig heiß wie fiebrige Kaninchenohren. „Bitte lass mich los und geh zu deiner Ollen zurück, die hat schon lange keinen ordentlichen Fick mehr gehabt und besorge es ihr gleich richtig, ich gönne es ihr, ehrlich ey. Und du, du musst nicht immer so vor dem Schultor rumstehen mit der Fluppe zwischen deinen Lippen und diesem oberhammergeilen Body. Machst ja alle Weiber damit verrückt und lässt wohl auch nichts anbrennen, was?“
In der prallen Mittagssonne und mitten in tiefster Dunkelheit. Marlies Körper war von einer Schlammschicht bedeckt und in ihrem Mund steckte ein Hühnerbein mit großen Krallen, die sich zuckend auf und wieder zusammenzogen.
„Aber ich verstehe es, echt, hätte auch gerne so Mukkis um sie alle damit zu beeindrucken. Ja das wäre ne tolle Sache, das mit dem Rumstehen und Beeindrucken und so.“ Reihen über Reihen, Getier neben Getier und Geweihe, die sich blutend bis ins Fleisch drückten. Traumland, Albtraumland, und unten lauerte dann der Durchdringer. Bis tief in das Gedärm hinein, mit gierigen Händen griff er nach dem jungen Leib, glitt zu den Brüsten empor, dem Schwanz, drückte ihn, molk und faulig eitrige Milch tropfte hinab und er stieß wieder hinein und hinaus. „Und hey, wie wäre es am Mittwoch, da habe ich frei. Aber nur Küssen ist drin, vorerst mal und kannst mir ja nebenbei ein paar deiner Tricks verraten, die mit den Weibern und dem Rumkriegen. Wenn du gut bist, lasse ich dich auch mal ran, aber nur mit einem Überzieher, denn Muttersein ist nichts. für mich. Hast du verstanden? Und versprochen ist versprochen und ist doch Ehrensache mann.“
Der Vogel schwebte jetzt in einem der Fensterbögen, glitt durch die Lüfte, wirbelte empor wie ein Feuerdrache, mückenprall, entleert, krakeelte, taumelte und stürzte dann hinab. Die Luft wurde honigsüß mild und legte sich über die Seelen, die Leiber, sie vergaß IHN, Marlies, den Schlammkörper, das Hühnerbein, sie versank. Albtraumland, Träume, Träume und sie wisperten Abgründe.

Ein Tag über den Wolken, sonnendurchflutet und regenfern, der Boden leuchtete wie herbsttrockenes Sumpfgras, dazwischen Federn, Kiele und Nistgewölle, und höher erglühte dann das Mauerwerk schwarz und aus grob gefugtem Vulkangestein.
Haut neben Haut, Leib neben Leib, körpernah entfernt, Charlie, Jule, Aida und Marlies und ihre Träume von Allerlei.
Durchdringer mit geschwefelten Fleischesgelüsten, Geliebter und Liebhaber, gut bestückt und ausdauernd mit ebenholzfarben glänzender Haut.
Herzensglut in weiße Hüllen gepackt. Die Hochzeitsglocken läuteten schon seit dem frühen Morgen und viel, viel Reis wurde gestreut, Kirche, Küche, Kinder, viel zu tun am Anfang und nach und nach nur noch verlassene Gleichgültigkeit.
Und die Sumpfbrachse war aufs Kreuz genagelt, ohne Knochen und mit ungenießbar gewordenem Fleisch. Sie betete stets mit offenen Augen und erloschenem Lichterglanz.

Der Tag schwand und das Himmelsgewölbe erglühte abendlich roséfarben. Bussarde stießen ihre letzten Schreie aus, hungrig, schwebend und hoch oben. Und dann senkte sich die Dunkelheit hinab wie ein schattig fauliger Flügelschlag und bis in die Träume hinein. Nachtwinde umrauschte das Gemäuer und Regenlüfte brausten auf und wehten Samenkapseln aus den Wäldern herbei. Sanft wirbelten sie in den Raum hinein und nisteten sich auf den Leibern ein, Ginsterkraut überzog das Haar, Farnsporen legte sich auf alle Rundungen und Wolfsmilch färbte die Lippen mondhell.
Der Schlamm auf Marlies Körper brodelte und das Hühnerbein hatte sich bis tief in ihren Rachen hinein geschoben und Dämpfe stiegen empor, entzogen alle Säfte, sumpftrocken, entleert und nie gewesen.
Eine Nacht nahe den Wolken und hoch über den Wäldern, die drei Monde streiften die Festeröffnungen, erschimmerten und verweilten lange, perlmuttfarben fruchtbar, regennah. Sie summten Sternenlieder.

Die Sonne hatte längst wieder den Himmel erobert, als Jule zum dritten Mal zu Bewusstsein kam. „Du bildest dir das alles nur ein, er mag dich halt und kümmert sich um uns. Und es geht vorbei glaube mir, denn er ist ein guter Mann und außerdem lass mich bitte in Ruhe mit deinem ganzen Scheiß.“ Schnaps, den sie sich von seinem Geld nachts an der Tankstelle besorgte und ein Jahresabbo in der Mukkibude. „Hey du geiler Frauenschwarm, los steck ihn schon rein, ich erlaube es dir und dann zeigst du mir deine kleinen Tricks, wird doch wohl nicht so schwer sein das Ganze.“ Jule zuckte empor. „Und nochmals hey, fass mal meinen Bizeps an, ist der nicht schon voll krass geworden?“ Taumelte und kippte um.
„Sie dürfen sich nicht so schnell aufrichten und versuchen Sie ganz ruhig zu atmen, dann geht der Schwindel wieder vorbei.“ Dunkler Schatten vor gleißender Bläue. „Und keine Angst, uns ist nichts passiert, auch ihr da nicht, habe vorhin ihren Puls gefühlt, alles in bester Ordnung also.“
„Was ist in Bester Ordnung und wem ist nichts passiert?
„Alles in Ordnung, wirklich Sie müssen sich keine Sorgen machen. Legen Sie sich einfach wieder hin und versuchen Sie noch ein wenig zu schlafen, das wird ihnen gut tun.“
„Verdammt wer bist du und was ist hier eigentlich los?“
„Schlafen Sie einfach und alles wird wieder gut.“ Charlie, sie verstumme und wandte ihren Blick wieder der Ferne zu.
Schlafen und alles wird wieder gut. Jule starrte im Zimmer umher, hell, dunkel, hell, nächtliche Trugbilder und brodelnd emporquellende Erinnerungen. Er auf dem neuen Motorrad und sie hinten drauf. Keine Ampeln nirgends, schneller und immer schneller waren sie gefahren, auf der Jagd, gejagt, weiter, weiter und… Pelznah gefangen und aufgehangen zwischen Fasanen und Wild.
„Hey Blondi, was erzählst du da für einen kompletten Müll, von wegen uns ist nichts passiert!“ Sie stemmte sich empor. „Echt scheiße ist das, wir sind in einem Albtraum gelandet, haben eine Trip in die Hölle gebucht, ohne Versicherung und Rückticket und nix.“ Torkelte weiter. „Und das mit dem, “legen Sie sich ruhig wieder hin”, kannst du dir auch in deinen Allerwertesten zurückschieben…!“ Und die Fensterbank gab ihr wieder Halt.
„Alles ist in Ordnung für uns, Madame, und auch für sie da drüben.“
Alles in Ordnung, für uns und für die, würzig mild und elektrisierend. Jules Lungen füllten sich mit Frische an, ein Windhauch streifte ihre Wangen, höher, weiter, fern und dann wirbelnde Tiefe.

„Was ist das…?“
„Bitte nicht nach unten schauen!“
„Blondi, Blondi.“ Jähe Lüfte, steiles Mauerwerk, Grasrabatte und hinab.
„Zurück, verdammt gehen Sie von dem Fenster zurück!“
„Kann nicht, geht nicht, will nicht…“
Unbekannte Erde, sie kam näher, näher und näher und dann der Fall.

Flach auf dem Rücken liegend kam Jule wieder zu sich.
„Hab Sie doch gewarnt, was machen Sie auch für Sachen, Sie müssen besser aufpassen.“
„Geht echt irre tief da runter, hat sich alles gedreht und bin fast abgestürzt, mann wie auf dem Rummel. Einmal im Jahr sind wir dort gewesen, gab immer gebrannte Mandeln und Zuckerwatte bis zum Erbrechen und Bier für meine Olle und ihren stets allerneuesten Macker. Für die große Achterbahn hat meistens die Kohle nicht gereicht, aber für´s Schießen, ja das war toll gewesen, eine Rose für die Herzallerliebste.“
„Ja, es war sicher sehr schön für Sie gewesen.“
„Klar war echt ne klasse Sache.“
„Eine echt klasse Sache, aber jetzt müssen Sie erst einmal was essen, und dann wird es Ihnen gleich besser gehen.“ Charlie stand auf und kam mit einer Schüssel und einem Löffel wieder. „Los machen Sie den Mund auf.“
„Hey halt, was ist das für ein Zeugs?“
„Mund auf habe ich gesagt.“
„Nein bin doch nicht irre, riecht wie alte Katzenpisse!“
„Los machen Sie schon und schlucken Sie einfach.“ Charlie zwang Jule die Kieferknochen auseinander wie einem ungehorsamen Hundewelpen.
„Hey was um alle Welt…?“
„Runter damit, nur runter, dann wird es Ihnen gleich besser gehen.“ Mit eisigen Händen und Augen, die kein Erbarmen mehr kannten.
Runter, nur runter, der fremde Brei sickerte hinab und füllte dann den Magen aus wie glühend heiße Lavaerde.
„Blondi, mann oh mann Blondi, was ist da drin? Turnt irgendwie.“
„Legen Sie sich hin und wir werden es schaffen, wir alle, wir sind ein Team und ein Erfolgreiches dazu. Schlafen Sie, schlafen Sie nur.“

Ruhetaumel, langsam ging Charlie wieder zu der Fensteröffnung zurück, dort dann Sonne, Höhenwinde und ferne Wipfel, die sanft in das Königsblau des Himmels übergingen.
Nahende Dunkelheit, schwirrende Metamorphosen, der Horizont verdunkelte sich und Böen kamen auf und verwirbelte ihr Haar. Nacht, Nacht, die Luft roch nach Eisensulfid und die Vögel kreisten nur noch für sie, Raubflügler, mit schwarz glänzenden Schwingen und riesigen Schnäbeln, in denen schon das Beugetier hing, zappelnd wie Todgeweihte, hingegeben wie Geliebte.
„Ich werde dich nicht verlassen, denn wir gehören zusammen wie der Teufel und der Engel und Spaß ist das halbe Leben.“
„Blondi, das Zeugs geht ja echt ab ey.“
Im abgedunkelten Zimmer auf schmierigen Laken, die nach Männerschweiß und billigem Parfum rochen, die Nacht, die Nacht, sie war auch am Tage neonhell.
„Flutscht durch mich durch wie Babykacke.“
Auf und ab, ab und auf, Arme, die um ihren Leib geschlungen waren und zwei Leiber, die sich vereinten und im gleichen Rhythmus pumpten. „Wir sind nicht für die Ewigkeit gemacht Baby, und das weißt du auch, denn Bräute sind zum Ficken da,und jetzt ficke ich dich und Morgen dann eine andere und Übermorgen erst recht. Take it easy und denke daran, immer schön locker bleiben.“
„Blondi es geht echt nicht mehr. Scheiß Fraß, was hast du da bloß in mich reingestopft?“
In der Luft surrten dichte Mückenschwärme auf, bis in die höchsten Höhen und undurchdringlich glatt, die Nacht, Nacht, neonhell und wolkendicht. „Ich liebe deinen Körper und auch Kinder und ich will viele davon haben.“
„Fuck kann es nicht mehr halten!“ Jäh schoss es aus Jule heraus und spritzte über dem Boden wie eine explodierende Schlammpackung.
Charlie drehte sich herum, die Mückenschwärme verschwanden, die Vögel schlossen ihre Schnäbel und das Beutegetier fiel taumelnd in die Tiefe hinab.

Zeitextension, der Himmel wurde erneut roséfarben und Winde wehten aus den Wäldern empor, feuchte Nachtboten, die schon Eiskristalle auf ihren Flügeln trugen.
„Die Hochzeitsnacht steht bevor und in weiße Spitzen eingehüllt wirst du ihn empfangen und dein Herz wird laut pochen und dein Leib wird ein Bebendes Etwas sein. Allein, allein so nah bei ihm und doch so fern dem Glück.“ Aida wälzte sich im Schlaf umher. „Aber mache dir nichts daraus mein Schatz, denn ein Kind wartet längst in deinem nur allzu bereiten Leib. Die gleichen Augen wie du und auch das Haar wird dem deinen gleichen wie ein Ei dem anderen, und mit zarten Fingern wirst du über seine Haut streichen und ihr Geruch wird dir so vertraut erscheinen wie eine von Weitem erklungene Sternenmelodie. Und nur ein Kind, und das merke dir gut mein allerliebster Schatz, ist für eine Frau das vollkommen ersehnte Glück auf Erden.“
Der Wind verstärkte sich, fegte eisig durch den Raum und draußen war der Himmel von Fledermäusen bewohnt. Sie kamen näher und näher und schon streifte der erste Flügelschlag das schwarze Gestein.
„Sternenmelodie, so nah bei ihm und doch fern dem Glück.“

Abwärtsfall und Erwachen.
ER glitt durch die Lüfte wie ein jagdbereiter Archosaurus, spähend, kreisend und heran. Borstenantlitz, Beutefänger, die drei Monde spiegelten sich silberhell auf seinen Schwingen wider und die doppelten Geschlechter waren noch eng an den schneckenglatten Leib gepresst.
Sternenlichter ließen Aidas Augen erstrahlen und der Gesteinschatten löschte sie wieder.
„Baby komm lass uns doch noch mal, es war so schön damals, du weißt schon was.“ Charlie erreichte den Gipfel, explodierte und stürzte dann erneut hinab.
Jule schlief mit verstummten Gedärme und versiegten Träume.
Und ER, ER, beharrlich wie ein steter Eindringling und unterwürfig wie ein Zuchthengst näherte er sich dem Gemäuer an, streifte mit seinen Flügeln das Gestein und die Nachtluft rauschte auf wie bei einem jähen Sommersturm.
„Die Hochzeitsnacht wird kommen und er wird dein Prinz und ewiger Gemahl sein.“ So nah und doch so fern, heran.
Traumland, Albtraumland, Türme über Türme und der Höchste von ihnen war so tief in den Wolken verborgen wie ein Morchelpilz, golden gleißend das Firmament erhellend. SEINE Kreise wurden enge und enger, ein schmatzendes Geräusch und dann haftete er fest. Mondechse, jagdlüsterne Fledermaus, die Rückenhaut zuckte wild und das Nachtlicht warf lüsterne Schattenspiele zurück. Sekunden der Ewigkeit, sein Blick traf den ihren und ihr Leib begann zu beben und die Träume versiegten. Nacht, Nacht und Ewigkeiten, dann wandte er sich ab, kroch höher und höher, bis er von der Wolkenanballung verschluckt wurde, die den oberen Teil des Turmes umschloss. Der Mondschatten verblasste, die Nacht wurde wieder silberhell und in der Ferne rauschte der Waldteppich auf und sandte Moosdüfte und Eulenschreie empor.

Es war ein Ort zudem die Tageszeiten keinen Zutritt hatten, himmelhohe Verbannung und abseitiges Refugium, milchtrübe undurchdringlich, die Vögel umflogen ihn mit gebrochenem Flügelschlag.
ER stand in der Raummitte, seine Opalaugen wanderten über die Laken, blieben begehrlich haften und begehrte den hingestreckten Leib.
SIE war in einen oszillierenden Strahlenkranz aus Polarlichtern und Auroras getaucht, die Peripherien versickerten in den Bodenplanken, so schwerfällig wie Tiefseemoränen und so luftleicht brodelnd wie eisig ferne Meeresbrisen.
Beuteflügler, Nachtjäger, mit leichter Hand strich er über die Gestalt, die der Schlaf so gefügig gemacht hatte. Ohnmacht unter pergamentfarbenen Augenlidern, Fischfleisch, Jahrmillionenschlummer im Polarmeer und immerwährender Gewahrsam. Dann faltete er seine Flügel zusammen und setzte sich auf die Lakendecke hinab, der Strahlenkranz teilte sich und umfloss ihn wie flüssig feiner Stickstoff. Begehrlich, Begehren, Begierde, Meereswogen, Schwefelglühen und ein Hauch von Phosphor. Sonnenwinde ätzten seine Klauen und Moder überzog die Augäpfel wie Seetang. Kalte Lust.
Er beugte sich über sie, riss grob ihre Beine auseinander und stieß in das Innerste hinein. Trockenübung, Leib auf Leib, hinein und wieder hinaus. Er wand sich wie ein Minotaurus und Sie hielt still, Sein Körper eine Blutechse und Ihre Glieder gefrorene Astgabelungen, hinein und wieder hinaus. Geburtenschmatzen, die Laken waren in Eiswasser getaucht und Schweiß rann hinab wie fiebrig klammes Glyzerin. Sein Keuchen hallte an den Wänden wider und Ihr Atem hauchte Meerestang, hinein, hinein und hinaus.

Der Himmel war verweist, stille Winde fegten um das Turmgemäuer und die Nachtluft knisterte mit verstummtem Lippenfleisch.
„Das Kind wird dir wieder Lebensfreude geben, seine zarten Hände werden über deinen Leib wandern und deine Augen erstrahlen lassen und dein Herz mit nie gekannter Süße füllen.“ Allein, allein und angstvoll lauschte Aida in die Dunkelheit. „Wo sind wir, was ist geschehen und seid ihr alle noch da? So sagt doch was.“
„Ja tiefer, immer tiefer und ja so ist es gut. Mein geiler schwarzer Hengst, du bist der Beste von allen.“ Atemrasseln, Herzensleere und liliengleicher Verwesungsgestank.

Und drinnen waren seine Klauen tief in ihr Fleisch getrieben und Samen rann in ihr Innerstes, tiefer und weiter und tauchte dann in fischgleiches Gewebe ein.
- Und ihre Augen waren nach innen gewendet, Mondfelder, die über Ozeanen schwebten, ohne Anfang, ohne Ende und sie trieb darin ganz regungslos. -
Borstennacken, exstatisch zuckende Schneckenhaut, Triumph, Triumph, Triumph, sein Brüllen dröhnte in die Nacht hinaus, kraftvoll wie ein Löwenmaul und dunkeloffen wie ein Wildschweinrachen, Triumph.
- Das Mondlicht spie eine Böe aus und die See geriet in Bewegung, tintengleiche Wellenhügel und zischende Gischt, die an die Oberfläche drängte. -
In die Nacht hinaus, hinaus, Triumph, Triumph, Triumph.
- Der Ozean brauste auf, Fischleiber, die sich ihren Weg aus der Tiefe bahnten, brodelnder Muschelkalk und laut berstende Algenexplosion. -
Der Samen, in der Höhlung und der dunklen Tiefe, er zuckte lendenlahm, fiel in sich zusammen und gefror. Erlöschendes Sonnengleiß.
Die Polarlichter erhoben sich von der Lakendecke und schwebten in den Raum empor, hell oszillierend. Der Wind trieb sie in Richtung Fenster, drückte sie gegen die Wolkenbank, wirbelte sie durch sie hindurch, hinaus und auf die fremde Fensteröffnung zu. Kühl, dunkel, hoch und tief hinab. Der Sternenhimmel glänzte und die Monde flackerten auf wie drillingsgleiche Lichterherzen.

Zeitextension, das Brüllen war verstummt, die Monde verblasst und die Nacht wieder so dunkel wie ein bodenloser Traum. Nah, nah, schwirrend fern.
„Mein Herz wo bist du nur hin, ich spür dich nicht mehr, du warst weg und ich habe dich wieder gefunden. Kalt und verlassen hast du in einer Baumhöhle zwischen Fremden gelegen, und ich habe ich dich rausgeholt und dich an meine Brust gepresst und ich habe immer an die Liebe geglaubt. Die Ehe meiner Schwester war doch so glücklich gewesen, die Kinder anständig, die Familie beisammen und das Haus geschmackvoll eingerichtet und er war ein äußerst wohlanständiger Mann.“ Das Schwirren umspülte Aidas Füße wie ein luzides Meer, die Holzplanken des Bodens quollen empor, schäumten auf und gebaren Algen, Muschelkalk und Seesterne.
„Die Familie und die Liebe, sind sie nicht doch das Einzige was zählt in dieser Welt?“
Ein Seestern begann sich an Aidas Beinen emporzuhangeln, kroch höher und höher und streifte dann ihre Scham. Die Monde erzitterten, verschwanden im Morgendunst und der Raum wurde erneut roséfarben.

Zeitextension, stete Nachtgier entwich Charlies Atem wie gehauchte Ascheschleier, Schlangentänze, glühend entzündet, hinein und wieder hinaus. Jule hatte ihre Hände zu Fäusten geballt und schützend vor ihre Gesicht gelegt. „Nein und nicht mit mir.“ Und in einer abseitigen Ecke des Raumes schlief Marlies, das Hühnerbein war verschwunden, der Schlamm getrocknet und ihr Leib darunter verdorrt wie uraltes Geäst.
Die Sonne erreichte den Horizont, ein Seestern griff nach Aidas Brust, der Zitze und biss zu. Sie erglühte. „Ich glaube an die Liebe und auch ich werde bald an Sie vergeben sein.“ Ihr eigenes Herz verlor an Gewicht und Sternenglanz senkte sich bis in den Morgen hinab. „Bald schon, sehr bald sogar und diesmal wird es meine Hochzeit sein, auf der ich tanze.“ Aida träumte mit offenen Augen, sie hatte die Augen geöffnet und es war kein Traum mehr.

Über Claudia

Geburtsjahr: 1965
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