Die Sonne stand längst wieder am Himmelszenit, die Luft gleißte träge und die Winde wehten mittagsmüde matt. Weiter unten wogten dann die Wälder, sie erstreckten sich von Horizont zu Horizont, dunkel schimmernd und an ihren Rändern mit blau schillernden Kristallen überzogen. Kaltmeer mit Blütenuntergrund, Flugschwärme kreisten über seiner Eisfläche wie pelzglatte Fledermäuse und jagten summend surrend den tanzenden Aurora hinterher. Und dösten müde, müde und unter wachsam geschlossenen Augenlidern, der Tag nach der Nacht, der Nacht. DER NACHT.
„Spüren Sie das auch?“ Ein Vibrieren und ein fernes Echo. „Das ist doch was, da unter uns.“ Stille, Stille und dann erneut, bum, bum, bum und fein aufwirbelnder Bodenstaub.
„Wachen Sie auf schnell, glaube da kommt was zu uns hoch.“ Bum, bum, Charlie torkelte empor. „Wo ist ein Versteck? Da hinten, nein dort.“ Panik, kein Ausweg, nichts, nur Wände, Fenster und Sonnenglimmen in unendlicher Höhe. „Wachen Sie endlich alle auf!“
Jule in sich zusammen gesunken und Aida hingestreckt und ihr Leib über und über mit Algen und Seesternresten bedeckt. „Ich habe mich verlobt heute Nacht, der Himmel hat geleuchtet, die Sterne waren unsere Gäste und die Monde haben uns ihren Segen dazugegeben. Ja ich bin glücklich und meine Seele ist so leicht wie nie zuvor und den Ring, den trage ich fest um mein inneres Herz geschlungen.“ Ihre Worte flirrend wie Libellenflügel. „Verlobt bin ich, verlobt.“ Die Pupillen mit Rosenblättern angefüllt.
Das Vibrieren, es wurde zum Beben, kam näher und näher, und dann war es da. Die Wand riss auf wie eine Kaninchenfalle, schnell und präzise.
„Verdammt.“ Charlie zitterte und die Luft oszillierte.
IHRE Gefolgschaft scharrte schon mit den Füßen, über unzählige Treppenstufen empor gekeucht, nahe dran, nahe dran. Lehmleiber rieben sich aneinander, Mäuler gebaren modrigen Kelleratem und der Wandspalt atmete Dämonenaugen.
SIE trat ein und blieb dann stehen. Dämonenbraut, der Körper glatt wie ein Baumstamm, die Augen polarhelle Eindringlinge und hinter ihr drängelten sich schon die Leiberscharen. Tönern dumpf und hohläugig gefügig.
„Jule es ist ernst, wachen Sie auf…!“
Puppenaugen mit Kinderblick im Gesicht einer Mittagssphinx. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf ihrer Haut wie Diamantenstaub und der Raum war mit Akazienduft durchflutet. Und draußen hielt die Zeit ihren Atem an, Vögel kreisten um das Gemäuer gleich riesenhafter Schmetterlinge, Orchideen erblühten und der Himmel schillerte palmviolett.
SIE, mit federnden Schritten ging sie auf Marlies zu, beugte sich hinab, pflückte mit leichter Hand die Schlammkruste ab und tauchte dann tief in den Rachen ein.
„Robb von hinten an sie ran.“
„Scheiße Blondi, was?“
„Von hinten ran robben und die Beine schnappen.“ Charlie griff nach ihrer Bluse.
„Bist du irre? Bin noch gar nicht wach.“
„Verdammt machen Sie schon.“ Begann den Stoff zu zwirbeln.
„Ok. Ach du scheiße.“ Zeitrennen, der Boden schmeckte nach Taubendreck und Holzsplitter bohrten sich bis ins Fleisch hinein.
„Los kriechen Sie, kriechen Sie.“
„Blondi das ist echt irre.“ Weiter, weiter und immer weiter. Und die Mittagssphinx, langsam holte sie ihre Hand wieder aus Marlies Rachen empor, schmatzte, pfiff und überbewältigte sie mit nur einem Sprung. Spielerisch.
Hinab und immer weiter, weiter, an der Leine gefangen und keuchend hinterher. Die Stufen ächzten, die Luft wirbelte und ihre Schritte hallten an den Wänden wider. Körpernah, blutrau, weiter, weiter, tiefer und dann zeigte sich in den Fensteröffnungen schon die ersten Baumwipfel und der Stein gebar feucht glitschigen Moosbewuchs.
Das Sonnenlicht empfing sie gleißend hell und Schmetterlinge flirrten über der Rasenfläche, Holunderstängeln und frisch erblühtem Zitronenkraut.
„Verdammt noch mal…“
„Ey sorry Blondi.“ Keuchend gekrümmt. „Ging echt nicht.“
Ackerwinde zogen sich weit das Gemäuer empor.
„Ging nicht, gibt´s nicht.“ Lungenpumpen, rein, raus, rein.
Vögel hatten Nester in die Mauervorsprünge gebaut und ihre Küken verdösten dort mit vollgestopften Schnäbeln die allzu pralle Mittagshitze.
“Nein wirklich nicht.“ Schuld, Schuld, Schluderei, und die von Jule war es.
Und SIE blickte ihren allzu hellen Kinderaugen auf sie hinab; und hinter ihr, in der Türöffnung, drängten sich dann die dienstbaren Lehmleiber, schmatzend, stöhnend und angstvoll das Tageslicht meidend wie Kellerasseln.
SIE neigte ihren Kopf und schüttelte kokett die Lockenpracht, glatt wie Ebenholz und quirlig wie eine sich windende Schlangenbrut. Dann sprang sie hoch, wedelte mit bunten Bändern auf und ließ Zimbeln erklingen, Tschibumm, Tschibumm, Tschatscha. Kinderspiele, sie hüpfte, rannte, vollführte Drehungen und wilde Pirouetten und die Leinen flatterten in die Sommerluft empor wie Schmetterlinge. Und dann standen sie wieder still, die Schmetterlinge taumelten und verfingen sich in Blätterwirbeln, die aus den Büschen geweht kamen wie zu früh erweckte Nachtmotten.
„Wach auf jetzt wird alles gut, denn heute Nacht ist der Himmel zu uns hinab gekommen, sternenklar mild und Bäume sind in seinen Wolken gewachsen und blühende Gärten mit vielen Blumen und es waren Rosen gewesen, wunderschön und so duftendend zart wie das Paradies.“ Die Mittagshitze ließ an den Wänden schwarze Madonnen erblühen und in den Fenstern wogten purpurne Meeresspiegelungen. „Wir sind geflogen und haben die Erde von oben gesehen, die Wälder, die Flüsse und auch das große Meer. Es war aber zu kalt dort gewesene und dann sind wir wieder umgekehrt und haben uns auf den Rand eines Brunnens gesetzt und uns geküsst und uns lange Märchen von Prinzen und Prinzessinnen erzählt. Sie hatten wunderschöne Kleider an und dann haben sie sich auch geküsst, die Prinzessinnen, unter einem Rosenbogen und sie, die Prinzen waren auf der Jagd gewesen und als sie dann zurück kamen waren ihre Hosen ganz blutig und voll von Dornen und sie hatten auch ein Kind dabei, das so zart war wie eine Blütenknospe. So wunder, wunderschön.“ Aida stand auf, durchquerte Ewigkeiten, beugte sich zu Marlies hinab und presste ihr dann einen Krug an die Lippen. „Wasser, es wird dir gut tun, trink.“
Gierig sog diese die Flüssigkeit in sich ein.
„Aber nicht so schnell, sonst verschluckst du dich noch.“
Und rang nach Luft wie eine Ertrinkende.
„Ich trage Schuld in mir, denn der Körper ist immer sündig. Sagte Mama jedenfalls, und ER hatte stets durch ihren Mund gesprochen und ihn immer ganz fest und schmal werden lassen. Aber er hatte keine Ahnung, wie es so ist, wenn du in der Klasse immer ganz hinten sitzen musst und das Geld nicht mal für den Kinobesuch reicht, den Friseur, oder für was Anständiges zum Anziehen. Er hatte einfach keine Ahnung und sie hat es ihm nur nachgetan.“ Mehr und mehr, Gliedmaßen tauchten aus Brackgewässer empor und Gesichter wie aufgewühlte Schlammböden. “Alle Schuld.“ Die Augen trüb fahl und wirbelnd hinab. „Wirklich alle.“ Sie krümmte sich zusammen und erbrach in Aidas Schoß hinein.
„War nicht zu lahm gewesen.“
„Nicht zu lahm, pah vermasselt haben Sie es, ja vermasselt und es ist alles Ihre Schuld. Nur zupacken hätten Sie gebraucht und ihre verfluchten Knöchel schnappen, den Rest hätte ich dann erledigt.“
„Ist aber irre schnell gewesen diese Lady. Muss mich irgendwie gerochen haben, oder so was.“
„Wir hätten sie aber überwältigen können. Verflucht ja, fertigmachen hätten wir sie können, wir beide als Team und es wäre perfekt gewesen.“
„Sorry Blondi, aber die war mir echt ne Nummer zu groß, lege mich doch nicht mit solchen Monsterbräuten an.“
„Pah von wegen ne Nummer zu groß, Sie müssen die Herausforderungen schon annehmen, sonst kommen Sie nicht weiter auf der Karriereleiter. Werden sonst immer von anderen überholt, die es besser zu wissen glauben, von Kollegen, Freunden oder gar von der besten Freundin. Annehmen und kämpfen, das müssen Sie unbedingt lernen, oder wollen Sie etwa für den Rest ihres Lebens nur eine kleine Aushilfskellnerin bleiben?“
Der Duft von Kamillenblüten schwebte in der Luft und Zitronenfalter, die von Blüte zu Blüte flatterten.
„Karriereleiter? Klar doch, wirst hier wohl noch zum völligen Psycho was Chefin. Aber keine Ahnung von nichts hast du und außerdem, wer hat Mutti denn da oben einfach so mir nichts dir nichts tralla ziehen lassen? Ich war es garantiert nicht, bin ja nur die blöde Aushilfskellnerin, die es im Leben zu nichts bringen wird, aber weg ist weg und wir hätten sie einfach vergessen sollen. Aber nein, mussten sie ja dann auch noch unbedingt suchen gehen und drunten im Wald kam dann das ganze irre Riesenschlamassel, eingesackt worden sind wir dort wie hirntote Rebhühner. Und, das sage ich dir jetzt ganz direkt Frau Superoberschlau, hätten von Anfang an lieber da bleiben sollen wo wir waren, uns von dem ganzen Waldkram ernähren und ab und zu mal ein Eichhörnchen braten oder so, und das nur wir zwei alleine, wäre dann auch völlig ok gewesen.“
Sonnenflimmern und Zeit, die kaum verging, der Holzpflock war tief in den Boden gerammt und von Habichtskraut umwuchert. Leinengetier am Spielfeldrand abgestellt und bereit, Bube, Dame, König, Ass, Schach und Matt, das Spiel, es begann.
Touché, Charlie wand sich in den Armen einer Tulpenpflanze, die Blütenblätter hielten sie umfangen und der Stängel rieb sich an ihrer Haut, ergeben, ergeben, touché. Wurzeln zuckten auf und Blätter rollte sich im Osmosetakt, noch ein Zug, noch, und ihre Hände bohrten sich in das Fruchtfleisch, dagegen, gegen. Klebrige Nässe überall und Blütenduft betäubte alle ihre Sinne, geschlagen, touché, touché. Charlie verwünschte stimmlos, schloss die Augen und Fruchtstempel säuselten ihr Sternenlieder ins Ohr, von der Ferne und von Dingen, die noch kommen sollten. IHR nächster Zug brachte auch die Tulpe zum Sturz, sie taumelte, welkte und knickte ein, die Blütenblätter glitten von Charlies Leib und die Sternenlieder verhallten in der milden Sommerluft, touché.
Aufgeregt lief die Sphinx mit den Kindergesicht vor dem Spielfeld auf und ab, glitzernde Tautropfen und Augen wie kriegslüstern singende Sirenen. Schach, Schach und Matt. Hin zum nächsten Feld und ein neuer Spielzug begann. Jule fühlte die pelzige Oberfläche eines Tiers, sein heißer Atem streifte sie und Krallen kratzten an ihrem Fleisch, touché, touché. In fremden Armen gefangen, sie stemmte sich dagegen, sinnlos, kraftlos und hinab, sie versank. Ein Aufschrei, ein Klatschen, zurück auf Anfang und dann quer hinüber zum weißen Feld. Rosengewächse sangen dort mit betörenden Stimmen, Buchsbaumgesträuche taumelten und Knospen erblühten üppig. Süßlicher Liebesatem, er verging.
In die Hände geklatscht und dann wieder gewürfelt, vier, fünf und sechs, ein schneller Sprung und dann Positionswechsel auf die dunkle Fläche aus Ebenholz. Das Mardertier schlüpfte zwischen Jules Schenkeln hindurch, streifte ihre Scham, langsam, schnell, blieb, ging, acht, sieben, fünf, Treffer. Charlies Wangen berührten Jules, innig und klebrig, den Mund und auch das Herz. Sie taumelte, strauchelte und fiel dann tief hinab. Touché, touché, touché, geschlagen und raus.
Am Spielfeldrand abgesetzt und Liebesleid unter wogenden Wipfeln, Jules Herz war mit bitterem Honig angefüllt und auf ihren Beinen krochen Ameisen den Nektarsaft entlang. Touché, die Pappelhaine wisperten, das Gras zirpte zart und Leid, Leid, Leid, es verging.
Und SIE eilte währenddessen unermüdlich hin und her, ein Spielfeld, ein Schachbrett, ein Damenfeldzug und seine Züge galten dem Herzensleid, Schach, Schach und Matt.
Herzenswunder Leidenskreis, abseitige Atempause, Jule erholte sich und wurde wieder neu platziert. Neben eine Hibiskusblüte, sie drehte, öffneten sich in ganzer Pracht und wand sich dann um ihren Leib. Fester, enger, zu eng, sie verging. Neues Spiel, neues Glück und mit Kinderschritten und Limonadenatem um das Spielfeld herum.
Charlie hatte ihr Haupt auf eine Hortensie gebettet, die Blätter umschlossen sie wie eine zweite Haut und Nektarstaub rieselte hinab und färbte ihre Haare sommermild. Sie erglühte, sie widerstand, sie gewann.
Hin und her, her, hin, her, sie fiel hinab und sie gewann, Herzensspiele, Spiele mit dem Herzen. Sie dauerten an.
Fortsetzung folgt…
