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	<title>Herzensfleisch</title>
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	<description>Poesie - Mythos - Erzählung</description>
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		<title>Kapitel 9: Park – Schuldzuweisungen, Luftspiegelungen, Kinderhände und blütenzarte Herzensspiele.</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Dec 2011 17:11:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claudia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Herzensfleisch]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Sonne stand längst wieder am Himmelszenit, die Luft gleißte träge und die Winde wehten mittagsmüde matt. Weiter unten wogten dann die Wälder, sie erstreckten sich von Horizont zu Horizont, dunkel schimmernd und an ihren Rändern mit blau schillernden Kristallen &#8230; <a href="http://herzensfleisch.wordpress.com/2011/12/19/kapitel-9-park-schuldzuweisungen-luftspiegelungen-kinderhande-und-blutenzarte-herzensspiele/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=herzensfleisch.wordpress.com&amp;blog=4041504&amp;post=292&amp;subd=herzensfleisch&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/12/park2.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-297" title="park2" src="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/12/park2.jpg?w=640&#038;h=217" alt="" width="640" height="217" /></a></p>
<p>Die Sonne stand längst wieder am Himmelszenit, die Luft gleißte träge und die Winde wehten mittagsmüde matt. Weiter unten wogten dann die Wälder, sie erstreckten sich von Horizont zu Horizont, dunkel schimmernd und an ihren Rändern mit blau schillernden Kristallen überzogen. Kaltmeer mit Blütenuntergrund, Flugschwärme kreisten über seiner Eisfläche wie pelzglatte Fledermäuse und jagten summend surrend den tanzenden Aurora hinterher. Und dösten müde, müde und unter wachsam geschlossenen Augenlidern, der Tag nach der Nacht, der Nacht. DER NACHT.</p>
<p>„Spüren Sie das auch?“ Ein Vibrieren und ein fernes Echo. „Das ist doch was, da unter uns.“ Stille, Stille und dann erneut, bum, bum, bum und fein aufwirbelnder Bodenstaub.<br />
„Wachen Sie auf schnell, glaube da kommt was zu uns hoch.“ Bum, bum, Charlie torkelte empor. „Wo ist ein Versteck? Da hinten, nein dort.“ Panik, kein Ausweg, nichts, nur Wände, Fenster und Sonnenglimmen in unendlicher Höhe. „Wachen Sie endlich alle auf!“<br />
Jule in sich zusammen gesunken und Aida hingestreckt und ihr Leib über und über mit Algen und Seesternresten bedeckt. „Ich habe mich verlobt heute Nacht, der Himmel hat geleuchtet, die Sterne waren unsere Gäste und die Monde haben uns ihren Segen dazugegeben. Ja ich bin glücklich und meine Seele ist so leicht wie nie zuvor und den Ring, den trage ich fest um mein inneres Herz geschlungen.“ Ihre Worte flirrend wie Libellenflügel. „Verlobt bin ich, verlobt.“ Die Pupillen mit Rosenblättern angefüllt.<br />
Das Vibrieren, es wurde zum Beben, kam näher und näher, und dann war es da. Die Wand riss auf wie eine Kaninchenfalle, schnell und präzise.<br />
„Verdammt.“ Charlie zitterte und die Luft oszillierte.<br />
IHRE Gefolgschaft scharrte schon mit den Füßen, über unzählige Treppenstufen empor gekeucht, nahe dran, nahe dran. Lehmleiber rieben sich aneinander, Mäuler gebaren modrigen Kelleratem und der Wandspalt atmete Dämonenaugen.<br />
SIE trat ein und blieb dann stehen. Dämonenbraut, der Körper glatt wie ein Baumstamm, die Augen polarhelle Eindringlinge und hinter ihr drängelten sich schon die Leiberscharen. Tönern dumpf und hohläugig gefügig.<br />
„Jule es ist ernst, wachen Sie auf&#8230;!“<br />
Puppenaugen mit Kinderblick im Gesicht einer Mittagssphinx. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf ihrer Haut wie Diamantenstaub und der Raum war mit Akazienduft durchflutet. Und draußen hielt die Zeit ihren Atem an, Vögel kreisten um das Gemäuer gleich riesenhafter Schmetterlinge, Orchideen erblühten und der Himmel schillerte palmviolett.<br />
SIE, mit federnden Schritten ging sie auf Marlies zu, beugte sich hinab, pflückte mit leichter Hand die Schlammkruste ab und tauchte dann tief in den Rachen ein.<br />
„Robb von hinten an sie ran.“<br />
„Scheiße Blondi, was?“<br />
„Von hinten ran robben und die Beine schnappen.“ Charlie griff nach ihrer Bluse.<br />
„Bist du irre? Bin noch gar nicht wach.“<br />
„Verdammt machen Sie schon.“ Begann den Stoff zu zwirbeln.<br />
„Ok. Ach du scheiße.“ Zeitrennen, der Boden schmeckte nach Taubendreck und Holzsplitter bohrten sich bis ins Fleisch hinein.<br />
„Los kriechen Sie, kriechen Sie.“<br />
„Blondi das ist echt irre.“ Weiter, weiter und immer weiter. Und die Mittagssphinx, langsam holte sie ihre Hand wieder aus Marlies Rachen empor, schmatzte, pfiff und überbewältigte sie mit nur einem Sprung. Spielerisch.</p>
<p>Hinab und immer weiter, weiter, an der Leine gefangen und keuchend hinterher. Die Stufen ächzten, die Luft wirbelte und ihre Schritte hallten an den Wänden wider. Körpernah, blutrau, weiter, weiter, tiefer und dann zeigte sich in den Fensteröffnungen schon die ersten Baumwipfel und der Stein gebar feucht glitschigen Moosbewuchs.</p>
<p>Das Sonnenlicht empfing sie gleißend hell und Schmetterlinge flirrten über der Rasenfläche, Holunderstängeln und frisch erblühtem Zitronenkraut.<br />
„Verdammt noch mal&#8230;“<br />
„Ey sorry Blondi.“ Keuchend gekrümmt. „Ging echt nicht.“<br />
Ackerwinde zogen sich weit das Gemäuer empor.<br />
„Ging nicht, gibt´s nicht.“ Lungenpumpen, rein, raus, rein.<br />
Vögel hatten Nester in die Mauervorsprünge gebaut und ihre Küken verdösten dort mit vollgestopften Schnäbeln die allzu pralle Mittagshitze.<br />
“Nein wirklich nicht.“ Schuld, Schuld, Schluderei, und die von Jule war es.<br />
Und SIE blickte ihren allzu hellen Kinderaugen auf sie hinab; und hinter ihr, in der Türöffnung, drängten sich dann die dienstbaren Lehmleiber, schmatzend, stöhnend und angstvoll das Tageslicht meidend wie Kellerasseln.<br />
SIE neigte ihren Kopf und schüttelte kokett die Lockenpracht, glatt wie Ebenholz und quirlig wie eine sich windende Schlangenbrut. Dann sprang sie hoch, wedelte mit bunten Bändern auf und ließ Zimbeln erklingen, Tschibumm, Tschibumm, Tschatscha. Kinderspiele, sie hüpfte, rannte, vollführte Drehungen und wilde Pirouetten und die Leinen flatterten in die Sommerluft empor wie Schmetterlinge. Und dann standen sie wieder still, die Schmetterlinge taumelten und verfingen sich in Blätterwirbeln, die aus den Büschen geweht kamen wie zu früh erweckte Nachtmotten.</p>
<p>„Wach auf jetzt wird alles gut, denn heute Nacht ist der Himmel zu uns hinab gekommen, sternenklar mild und Bäume sind in seinen Wolken gewachsen und blühende Gärten mit vielen Blumen und es waren Rosen gewesen, wunderschön und so duftendend zart wie das Paradies.“ Die Mittagshitze ließ an den Wänden schwarze Madonnen erblühen und in den Fenstern wogten purpurne Meeresspiegelungen. „Wir sind geflogen und haben die Erde von oben gesehen, die Wälder, die Flüsse und auch das große Meer. Es war aber zu kalt dort gewesene und dann sind wir wieder umgekehrt und haben uns auf den Rand eines Brunnens gesetzt und uns geküsst und uns lange Märchen von Prinzen und Prinzessinnen erzählt. Sie hatten wunderschöne Kleider an und dann haben sie sich auch geküsst, die Prinzessinnen, unter einem Rosenbogen und sie, die Prinzen waren auf der Jagd gewesen und als sie dann zurück kamen waren ihre Hosen ganz blutig und voll von Dornen und sie hatten auch ein Kind dabei, das so zart war wie eine Blütenknospe. So wunder, wunderschön.“ Aida stand auf, durchquerte Ewigkeiten, beugte sich zu Marlies hinab und presste ihr dann einen Krug an die Lippen. „Wasser, es wird dir gut tun, trink.“<br />
Gierig sog diese die Flüssigkeit in sich ein.<br />
„Aber nicht so schnell, sonst verschluckst du dich noch.“<br />
Und rang nach Luft wie eine Ertrinkende.<br />
„Ich trage Schuld in mir, denn der Körper ist immer sündig. Sagte Mama jedenfalls, und ER hatte stets durch ihren Mund gesprochen und ihn immer ganz fest und schmal werden lassen. Aber er hatte keine Ahnung, wie es so ist, wenn du in der Klasse immer ganz hinten sitzen musst und das Geld nicht mal für den Kinobesuch reicht, den Friseur, oder für was Anständiges zum Anziehen. Er hatte einfach keine Ahnung und sie hat es ihm nur nachgetan.“ Mehr und mehr, Gliedmaßen tauchten aus Brackgewässer empor und Gesichter wie aufgewühlte Schlammböden. “Alle Schuld.“ Die Augen trüb fahl und wirbelnd hinab. „Wirklich alle.“ Sie krümmte sich zusammen und erbrach in Aidas Schoß hinein.</p>
<p>„War nicht zu lahm gewesen.“<br />
„Nicht zu lahm, pah vermasselt haben Sie es, ja vermasselt und es ist alles Ihre Schuld. Nur zupacken hätten Sie gebraucht und ihre verfluchten Knöchel schnappen, den Rest hätte ich dann erledigt.“<br />
„Ist aber irre schnell gewesen diese Lady. Muss mich irgendwie gerochen haben, oder so was.“<br />
„Wir hätten sie aber überwältigen können. Verflucht ja, fertigmachen hätten wir sie können, wir beide als Team und es wäre perfekt gewesen.“<br />
„Sorry Blondi, aber die war mir echt ne Nummer zu groß, lege mich doch nicht mit solchen Monsterbräuten an.“<br />
„Pah von wegen ne Nummer zu groß, Sie müssen die Herausforderungen schon annehmen, sonst kommen Sie nicht weiter auf der Karriereleiter. Werden sonst immer von anderen überholt, die es besser zu wissen glauben, von Kollegen, Freunden oder gar von der besten Freundin. Annehmen und kämpfen, das müssen Sie unbedingt lernen, oder wollen Sie etwa für den Rest ihres Lebens nur eine kleine Aushilfskellnerin bleiben?“<br />
Der Duft von Kamillenblüten schwebte in der Luft und Zitronenfalter, die von Blüte zu Blüte flatterten.<br />
„Karriereleiter? Klar doch, wirst hier wohl noch zum völligen Psycho was Chefin. Aber keine Ahnung von nichts hast du und außerdem, wer hat Mutti denn da oben einfach so mir nichts dir nichts tralla ziehen lassen? Ich war es garantiert nicht, bin ja nur die blöde Aushilfskellnerin, die es im Leben zu nichts bringen wird, aber weg ist weg und wir hätten sie einfach vergessen sollen. Aber nein, mussten sie ja dann auch noch unbedingt suchen gehen und drunten im Wald kam dann das ganze irre Riesenschlamassel, eingesackt worden sind wir dort wie hirntote Rebhühner. Und, das sage ich dir jetzt ganz direkt Frau Superoberschlau, hätten von Anfang an lieber da bleiben sollen wo wir waren, uns von dem ganzen Waldkram ernähren und ab und zu mal ein Eichhörnchen braten oder so, und das nur wir zwei alleine, wäre dann auch völlig ok gewesen.“</p>
<p>Sonnenflimmern und Zeit, die kaum verging, der Holzpflock war tief in den Boden gerammt und von Habichtskraut umwuchert. Leinengetier am Spielfeldrand abgestellt und bereit, Bube, Dame, König, Ass, Schach und Matt, das Spiel, es begann.</p>
<p>Touché, Charlie wand sich in den Armen einer Tulpenpflanze, die Blütenblätter hielten sie umfangen und der Stängel rieb sich an ihrer Haut, ergeben, ergeben, touché. Wurzeln zuckten auf und Blätter rollte sich im Osmosetakt, noch ein Zug, noch, und ihre Hände bohrten sich in das Fruchtfleisch, dagegen, gegen. Klebrige Nässe überall und Blütenduft betäubte alle ihre Sinne, geschlagen, touché, touché. Charlie verwünschte stimmlos, schloss die Augen und Fruchtstempel säuselten ihr Sternenlieder ins Ohr, von der Ferne und von Dingen, die noch kommen sollten. IHR nächster Zug brachte auch die Tulpe zum Sturz, sie taumelte, welkte und knickte ein, die Blütenblätter glitten von Charlies Leib und die Sternenlieder verhallten in der milden Sommerluft, touché.<br />
Aufgeregt lief die Sphinx mit den Kindergesicht vor dem Spielfeld auf und ab, glitzernde Tautropfen und Augen wie kriegslüstern singende Sirenen. Schach, Schach und Matt. Hin zum nächsten Feld und ein neuer Spielzug begann. Jule fühlte die pelzige Oberfläche eines Tiers, sein heißer Atem streifte sie und Krallen kratzten an ihrem Fleisch, touché, touché. In fremden Armen gefangen, sie stemmte sich dagegen, sinnlos, kraftlos und hinab, sie versank. Ein Aufschrei, ein Klatschen, zurück auf Anfang und dann quer hinüber zum weißen Feld. Rosengewächse sangen dort mit betörenden Stimmen, Buchsbaumgesträuche taumelten und Knospen erblühten üppig. Süßlicher Liebesatem, er verging.<br />
In die Hände geklatscht und dann wieder gewürfelt, vier, fünf und sechs, ein schneller Sprung und dann Positionswechsel auf die dunkle Fläche aus Ebenholz. Das Mardertier schlüpfte zwischen Jules Schenkeln hindurch, streifte ihre Scham, langsam, schnell, blieb, ging, acht, sieben, fünf, Treffer. Charlies Wangen berührten Jules, innig und klebrig, den Mund und auch das Herz. Sie taumelte, strauchelte und fiel dann tief hinab. Touché, touché, touché, geschlagen und raus.</p>
<p>Am Spielfeldrand abgesetzt und Liebesleid unter wogenden Wipfeln, Jules Herz war mit bitterem Honig angefüllt und auf ihren Beinen krochen Ameisen den Nektarsaft entlang. Touché, die Pappelhaine wisperten, das Gras zirpte zart und Leid, Leid, Leid, es verging.<br />
Und SIE eilte währenddessen unermüdlich hin und her, ein Spielfeld, ein Schachbrett, ein Damenfeldzug und seine Züge galten dem Herzensleid, Schach, Schach und Matt.<br />
Herzenswunder Leidenskreis, abseitige Atempause, Jule erholte sich und wurde wieder neu platziert. Neben eine Hibiskusblüte, sie drehte, öffneten sich in ganzer Pracht und wand sich dann um ihren Leib. Fester, enger, zu eng, sie verging. Neues Spiel, neues Glück und mit Kinderschritten und Limonadenatem um das Spielfeld herum.<br />
Charlie hatte ihr Haupt auf eine Hortensie gebettet, die Blätter umschlossen sie wie eine zweite Haut und Nektarstaub rieselte hinab und färbte ihre Haare sommermild. Sie erglühte, sie widerstand, sie gewann.<br />
Hin und her, her, hin, her, sie fiel hinab und sie gewann, Herzensspiele, Spiele mit dem Herzen. Sie dauerten an.</p>
<p><span style="color:#008000;">Fortsetzung folgt&#8230;</span></p>
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	</item>
		<item>
		<title>Kapitel 8: Türme – Höhenluft und niedere Bedürfnisse, Beutefänger und ein Laken umflutet von Polarlicht.</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Dec 2011 16:35:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claudia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Herzensfleisch]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/12/arch2.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-288" title="arch2" src="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/12/arch2.jpg?w=640&#038;h=218" alt="" width="640" height="218" /></a></p>
<p>Winde in weiter Höhe, wolkenfrisch mild und hell. Kristallgelbe Strahlenkränze drangen durch die bereits ausgedünnte Atmosphärenschicht hindurch, sternenklar hinabrieselnd, nebeldicht und klirrend fern.<br />
„Ich hasse dich, brauche dich und bleibe mir bloß vom Leib.“ Die Luft flirrte sommerhitzig und ein Vogel entschwebte mit einem Male dem Himmelblau, kam näher und näher und stand dann still. Schwingen wie luftig leichte Sonnensegel und pfefferminzfarben aufleuchtendes Gefieder. Er öffnete den Schnabel, keckerte und Mückenschwärme quollen hervor, mit frisch entleerten Hinterleibern, denn die Eier waren unter der Zunge abgelegt worden, prall, prall und illuminiert übervoll.<br />
Auf dem Boden, dich nebeneinander und Leib an Leib.<br />
„Weg, weg und bleibe fern von mir.“ Eine Fratze, ein Maul, faulige Zahnreihen, weiter weit und dann nur noch Gestank. Jule riss die Augen auf und Hitze raste empor, loderte auf und fraß sich bis in das innerste Gewebefleisch. Brennenden Schemen in zu greller Mittaghitze, Nirwana, Nichts, sie taumelte, sie schwebte und sie fiel hinab.<br />
„Scheiße was ist passiert, will hier raus.“</p>
<p>Als Jule erneut zu sich kam, war das Licht immer noch da, blendend wie ein Sonnentor, gleißend wie eine falsche Himmelserscheinung. Und ihrer Kehle tobte eine Feuersglut, der Wasserkrug, sie trank, die Feuersglut verschwand und das Licht erlosch wirbelnd dunkelfaulig. Traumland, Albtraumland, fremder Atem, zuckende Flanken und Schenkel, so klebrig heiß wie fiebrige Kaninchenohren. „Bitte lass mich los und geh zu deiner Ollen zurück, die hat schon lange keinen ordentlichen Fick mehr gehabt und besorge es ihr gleich richtig, ich gönne es ihr, ehrlich ey. Und du, du musst nicht immer so vor dem Schultor rumstehen mit der Fluppe zwischen deinen Lippen und diesem oberhammergeilen Body. Machst ja alle Weiber damit verrückt und lässt wohl auch nichts anbrennen, was?“<br />
In der prallen Mittagssonne und mitten in tiefster Dunkelheit. Marlies Körper war von einer Schlammschicht bedeckt und in ihrem Mund steckte ein Hühnerbein mit großen Krallen, die sich zuckend auf und wieder zusammenzogen.<br />
„Aber ich verstehe es, echt, hätte auch gerne so Mukkis um sie alle damit zu beeindrucken. Ja das wäre ne tolle Sache, das mit dem Rumstehen und Beeindrucken und so.“ Reihen über Reihen, Getier neben Getier und Geweihe, die sich blutend bis ins Fleisch drückten. Traumland, Albtraumland, und unten lauerte dann der Durchdringer. Bis tief in das Gedärm hinein, mit gierigen Händen griff er nach dem jungen Leib, glitt zu den Brüsten empor, dem Schwanz, drückte ihn, molk und faulig eitrige Milch tropfte hinab und er stieß wieder hinein und hinaus. „Und hey, wie wäre es am Mittwoch, da habe ich frei. Aber nur Küssen ist drin, vorerst mal und kannst mir ja nebenbei ein paar deiner Tricks verraten, die mit den Weibern und dem Rumkriegen. Wenn du gut bist, lasse ich dich auch mal ran, aber nur mit einem Überzieher, denn Muttersein ist nichts. für mich. Hast du verstanden? Und versprochen ist versprochen und ist doch Ehrensache mann.“<br />
Der Vogel schwebte jetzt in einem der Fensterbögen, glitt durch die Lüfte, wirbelte empor wie ein Feuerdrache, mückenprall, entleert, krakeelte, taumelte und stürzte dann hinab. Die Luft wurde honigsüß mild und legte sich über die Seelen, die Leiber, sie vergaß IHN, Marlies, den Schlammkörper, das Hühnerbein, sie versank. Albtraumland, Träume, Träume und sie wisperten Abgründe.</p>
<p>Ein Tag über den Wolken, sonnendurchflutet und regenfern, der Boden leuchtete wie herbsttrockenes Sumpfgras, dazwischen Federn, Kiele und Nistgewölle, und höher erglühte dann das Mauerwerk schwarz und aus grob gefugtem Vulkangestein.<br />
Haut neben Haut, Leib neben Leib, körpernah entfernt, Charlie, Jule, Aida und Marlies und ihre Träume von Allerlei.<br />
Durchdringer mit geschwefelten Fleischesgelüsten, Geliebter und Liebhaber, gut bestückt und ausdauernd mit ebenholzfarben glänzender Haut.<br />
Herzensglut in weiße Hüllen gepackt. Die Hochzeitsglocken läuteten schon seit dem frühen Morgen und viel, viel Reis wurde gestreut, Kirche, Küche, Kinder, viel zu tun am Anfang und nach und nach nur noch verlassene Gleichgültigkeit.<br />
Und die Sumpfbrachse war aufs Kreuz genagelt, ohne Knochen und mit ungenießbar gewordenem Fleisch. Sie betete stets mit offenen Augen und erloschenem Lichterglanz.</p>
<p>Der Tag schwand und das Himmelsgewölbe erglühte abendlich roséfarben. Bussarde stießen ihre letzten Schreie aus, hungrig, schwebend und hoch oben. Und dann senkte sich die Dunkelheit hinab wie ein schattig fauliger Flügelschlag und bis in die Träume hinein. Nachtwinde umrauschte das Gemäuer und Regenlüfte brausten auf und wehten Samenkapseln aus den Wäldern herbei. Sanft wirbelten sie in den Raum hinein und nisteten sich auf den Leibern ein, Ginsterkraut überzog das Haar, Farnsporen legte sich auf alle Rundungen und Wolfsmilch färbte die Lippen mondhell.<br />
Der Schlamm auf Marlies Körper brodelte und das Hühnerbein hatte sich bis tief in ihren Rachen hinein geschoben und Dämpfe stiegen empor, entzogen alle Säfte, sumpftrocken, entleert und nie gewesen.<br />
Eine Nacht nahe den Wolken und hoch über den Wäldern, die drei Monde streiften die Festeröffnungen, erschimmerten und verweilten lange, perlmuttfarben fruchtbar, regennah. Sie summten Sternenlieder.</p>
<p>Die Sonne hatte längst wieder den Himmel erobert, als Jule zum dritten Mal zu Bewusstsein kam. „Du bildest dir das alles nur ein, er mag dich halt und kümmert sich um uns. Und es geht vorbei glaube mir, denn er ist ein guter Mann und außerdem lass mich bitte in Ruhe mit deinem ganzen Scheiß.“ Schnaps, den sie sich von seinem Geld nachts an der Tankstelle besorgte und ein Jahresabbo in der Mukkibude. „Hey du geiler Frauenschwarm, los steck ihn schon rein, ich erlaube es dir und dann zeigst du mir deine kleinen Tricks, wird doch wohl nicht so schwer sein das Ganze.“ Jule zuckte empor. „Und nochmals hey, fass mal meinen Bizeps an, ist der nicht schon voll krass geworden?“ Taumelte und kippte um.<br />
„Sie dürfen sich nicht so schnell aufrichten und versuchen Sie ganz ruhig zu atmen, dann geht der Schwindel wieder vorbei.“ Dunkler Schatten vor gleißender Bläue. „Und keine Angst, uns ist nichts passiert, auch ihr da nicht, habe vorhin ihren Puls gefühlt, alles in bester Ordnung also.“<br />
„Was ist in Bester Ordnung und wem ist nichts passiert?<br />
„Alles in Ordnung, wirklich Sie müssen sich keine Sorgen machen. Legen Sie sich einfach wieder hin und versuchen Sie noch ein wenig zu schlafen, das wird ihnen gut tun.“<br />
„Verdammt wer bist du und was ist hier eigentlich los?“<br />
„Schlafen Sie einfach und alles wird wieder gut.“ Charlie, sie verstumme und wandte ihren Blick wieder der Ferne zu.<br />
Schlafen und alles wird wieder gut. Jule starrte im Zimmer umher, hell, dunkel, hell, nächtliche Trugbilder und brodelnd emporquellende Erinnerungen. Er auf dem neuen Motorrad und sie hinten drauf. Keine Ampeln nirgends, schneller und immer schneller waren sie gefahren, auf der Jagd, gejagt, weiter, weiter und&#8230; Pelznah gefangen und aufgehangen zwischen Fasanen und Wild.<br />
„Hey Blondi, was erzählst du da für einen kompletten Müll, von wegen uns ist nichts passiert!“ Sie stemmte sich empor. „Echt scheiße ist das, wir sind in einem Albtraum gelandet, haben eine Trip in die Hölle gebucht, ohne Versicherung und Rückticket und nix.“ Torkelte weiter. „Und das mit dem, &#8220;legen Sie sich ruhig wieder hin&#8221;, kannst du dir auch in deinen Allerwertesten zurückschieben&#8230;!“ Und die Fensterbank gab ihr wieder Halt.<br />
„Alles ist in Ordnung für uns, Madame, und auch für sie da drüben.“<br />
Alles in Ordnung, für uns und für die, würzig mild und elektrisierend. Jules Lungen füllten sich mit Frische an, ein Windhauch streifte ihre Wangen, höher, weiter, fern und dann wirbelnde Tiefe.</p>
<p>„Was ist das&#8230;?“<br />
„Bitte nicht nach unten schauen!“<br />
„Blondi, Blondi.“ Jähe Lüfte, steiles Mauerwerk, Grasrabatte und hinab.<br />
„Zurück, verdammt gehen Sie von dem Fenster zurück!“<br />
„Kann nicht, geht nicht, will nicht&#8230;“<br />
Unbekannte Erde, sie kam näher, näher und näher und dann der Fall.</p>
<p>Flach auf dem Rücken liegend kam Jule wieder zu sich.<br />
„Hab Sie doch gewarnt, was machen Sie auch für Sachen, Sie müssen besser aufpassen.“<br />
„Geht echt irre tief da runter, hat sich alles gedreht und bin fast abgestürzt, mann wie auf dem Rummel. Einmal im Jahr sind wir dort gewesen, gab immer gebrannte Mandeln und Zuckerwatte bis zum Erbrechen und Bier für meine Olle und ihren stets allerneuesten Macker. Für die große Achterbahn hat meistens die Kohle nicht gereicht, aber für´s Schießen, ja das war toll gewesen, eine Rose für die Herzallerliebste.“<br />
„Ja, es war sicher sehr schön für Sie gewesen.“<br />
„Klar war echt ne klasse Sache.“<br />
„Eine echt klasse Sache, aber jetzt müssen Sie erst einmal was essen, und dann wird es Ihnen gleich besser gehen.“ Charlie stand auf und kam mit einer Schüssel und einem Löffel wieder. „Los machen Sie den Mund auf.“<br />
„Hey halt, was ist das für ein Zeugs?“<br />
„Mund auf habe ich gesagt.“<br />
„Nein bin doch nicht irre, riecht wie alte Katzenpisse!“<br />
„Los machen Sie schon und schlucken Sie einfach.“ Charlie zwang Jule die Kieferknochen auseinander wie einem ungehorsamen Hundewelpen.<br />
„Hey was um alle Welt&#8230;?“<br />
„Runter damit, nur runter, dann wird es Ihnen gleich besser gehen.“ Mit eisigen Händen und Augen, die kein Erbarmen mehr kannten.<br />
Runter, nur runter, der fremde Brei sickerte hinab und füllte dann den Magen aus wie glühend heiße Lavaerde.<br />
„Blondi, mann oh mann Blondi, was ist da drin? Turnt irgendwie.“<br />
„Legen Sie sich hin und wir werden es schaffen, wir alle, wir sind ein Team und ein Erfolgreiches dazu. Schlafen Sie, schlafen Sie nur.“</p>
<p>Ruhetaumel, langsam ging Charlie wieder zu der Fensteröffnung zurück, dort dann Sonne, Höhenwinde und ferne Wipfel, die sanft in das Königsblau des Himmels übergingen.<br />
<em>Nahende Dunkelheit, schwirrende Metamorphosen, der Horizont verdunkelte sich und Böen kamen auf und verwirbelte ihr Haar. Nacht, Nacht, die Luft roch nach Eisensulfid und die Vögel kreisten nur noch für sie, Raubflügler, mit schwarz glänzenden Schwingen und riesigen Schnäbeln, in denen schon das Beugetier hing, zappelnd wie Todgeweihte, hingegeben wie Geliebte.</em><br />
<em>„Ich werde dich nicht verlassen, denn wir gehören zusammen wie der Teufel und der Engel und Spaß ist das halbe Leben.“</em><br />
„Blondi, das Zeugs geht ja echt ab ey.“<br />
<em>Im abgedunkelten Zimmer auf schmierigen Laken, die nach Männerschweiß und billigem Parfum rochen, die Nacht, die Nacht, sie war auch am Tage neonhell.</em><br />
„Flutscht durch mich durch wie Babykacke.“<br />
<em>Auf und ab, ab und auf, Arme, die um ihren Leib geschlungen waren und zwei Leiber, die sich vereinten und im gleichen Rhythmus pumpten. „Wir sind nicht für die Ewigkeit gemacht Baby, und das weißt du auch, denn Bräute sind zum Ficken da,und jetzt ficke ich dich und Morgen dann eine andere und Übermorgen erst recht. Take it easy und denke daran, immer schön locker bleiben.“</em><br />
„Blondi es geht echt nicht mehr. Scheiß Fraß, was hast du da bloß in mich reingestopft?“<br />
<em>In der Luft surrten dichte Mückenschwärme auf, bis in die höchsten Höhen und undurchdringlich glatt, die Nacht, Nacht, neonhell und wolkendicht. „Ich liebe deinen Körper und auch Kinder und ich will viele davon haben.“</em><br />
„Fuck kann es nicht mehr halten!“ Jäh schoss es aus Jule heraus und spritzte über dem Boden wie eine explodierende Schlammpackung.<br />
Charlie drehte sich herum, die Mückenschwärme verschwanden, die Vögel schlossen ihre Schnäbel und das Beutegetier fiel taumelnd in die Tiefe hinab.</p>
<p>Zeitextension, der Himmel wurde erneut roséfarben und Winde wehten aus den Wäldern empor, feuchte Nachtboten, die schon Eiskristalle auf ihren Flügeln trugen.<br />
„Die Hochzeitsnacht steht bevor und in weiße Spitzen eingehüllt wirst du ihn empfangen und dein Herz wird laut pochen und dein Leib wird ein Bebendes Etwas sein. Allein, allein so nah bei ihm und doch so fern dem Glück.“ Aida wälzte sich im Schlaf umher. „Aber mache dir nichts daraus mein Schatz, denn ein Kind wartet längst in deinem nur allzu bereiten Leib. Die gleichen Augen wie du und auch das Haar wird dem deinen gleichen wie ein Ei dem anderen, und mit zarten Fingern wirst du über seine Haut streichen und ihr Geruch wird dir so vertraut erscheinen wie eine von Weitem erklungene Sternenmelodie. Und nur ein Kind, und das merke dir gut mein allerliebster Schatz, ist für eine Frau das vollkommen ersehnte Glück auf Erden.“<br />
Der Wind verstärkte sich, fegte eisig durch den Raum und draußen war der Himmel von Fledermäusen bewohnt. Sie kamen näher und näher und schon streifte der erste Flügelschlag das schwarze Gestein.<br />
„Sternenmelodie, so nah bei ihm und doch fern dem Glück.“</p>
<p>Abwärtsfall und Erwachen.<br />
ER glitt durch die Lüfte wie ein jagdbereiter Archosaurus, spähend, kreisend und heran. Borstenantlitz, Beutefänger, die drei Monde spiegelten sich silberhell auf seinen Schwingen wider und die doppelten Geschlechter waren noch eng an den schneckenglatten Leib gepresst.<br />
Sternenlichter ließen Aidas Augen erstrahlen und der Gesteinschatten löschte sie wieder.<br />
„Baby komm lass uns doch noch mal, es war so schön damals, du weißt schon was.“ Charlie erreichte den Gipfel, explodierte und stürzte dann erneut hinab.<br />
Jule schlief mit verstummten Gedärme und versiegten Träume.<br />
Und ER, ER, beharrlich wie ein steter Eindringling und unterwürfig wie ein Zuchthengst näherte er sich dem Gemäuer an, streifte mit seinen Flügeln das Gestein und die Nachtluft rauschte auf wie bei einem jähen Sommersturm.<br />
„Die Hochzeitsnacht wird kommen und er wird dein Prinz und ewiger Gemahl sein.“ So nah und doch so fern, heran.<br />
Traumland, Albtraumland, Türme über Türme und der Höchste von ihnen war so tief in den Wolken verborgen wie ein Morchelpilz, golden gleißend das Firmament erhellend. SEINE Kreise wurden enge und enger, ein schmatzendes Geräusch und dann haftete er fest. Mondechse, jagdlüsterne Fledermaus, die Rückenhaut zuckte wild und das Nachtlicht warf lüsterne Schattenspiele zurück. Sekunden der Ewigkeit, sein Blick traf den ihren und ihr Leib begann zu beben und die Träume versiegten. Nacht, Nacht und Ewigkeiten, dann wandte er sich ab, kroch höher und höher, bis er von der Wolkenanballung verschluckt wurde, die den oberen Teil des Turmes umschloss. Der Mondschatten verblasste, die Nacht wurde wieder silberhell und in der Ferne rauschte der Waldteppich auf und sandte Moosdüfte und Eulenschreie empor.</p>
<p>Es war ein Ort zudem die Tageszeiten keinen Zutritt hatten, himmelhohe Verbannung und abseitiges Refugium, milchtrübe undurchdringlich, die Vögel umflogen ihn mit gebrochenem Flügelschlag.<br />
ER stand in der Raummitte, seine Opalaugen wanderten über die Laken, blieben begehrlich haften und begehrte den hingestreckten Leib.<br />
SIE war in einen oszillierenden Strahlenkranz aus Polarlichtern und Auroras getaucht, die Peripherien versickerten in den Bodenplanken, so schwerfällig wie Tiefseemoränen und so luftleicht brodelnd wie eisig ferne Meeresbrisen.<br />
Beuteflügler, Nachtjäger, mit leichter Hand strich er über die Gestalt, die der Schlaf so gefügig gemacht hatte. Ohnmacht unter pergamentfarbenen Augenlidern, Fischfleisch, Jahrmillionenschlummer im Polarmeer und immerwährender Gewahrsam. Dann faltete er seine Flügel zusammen und setzte sich auf die Lakendecke hinab, der Strahlenkranz teilte sich und umfloss ihn wie flüssig feiner Stickstoff. Begehrlich, Begehren, Begierde, Meereswogen, Schwefelglühen und ein Hauch von Phosphor. Sonnenwinde ätzten seine Klauen und Moder überzog die Augäpfel wie Seetang. Kalte Lust.<br />
Er beugte sich über sie, riss grob ihre Beine auseinander und stieß in das Innerste hinein. Trockenübung, Leib auf Leib, hinein und wieder hinaus. Er wand sich wie ein Minotaurus und Sie hielt still, Sein Körper eine Blutechse und Ihre Glieder gefrorene Astgabelungen, hinein und wieder hinaus. Geburtenschmatzen, die Laken waren in Eiswasser getaucht und Schweiß rann hinab wie fiebrig klammes Glyzerin. Sein Keuchen hallte an den Wänden wider und Ihr Atem hauchte Meerestang, hinein, hinein und hinaus.</p>
<p>Der Himmel war verweist, stille Winde fegten um das Turmgemäuer und die Nachtluft knisterte mit verstummtem Lippenfleisch.<br />
„Das Kind wird dir wieder Lebensfreude geben, seine zarten Hände werden über deinen Leib wandern und deine Augen erstrahlen lassen und dein Herz mit nie gekannter Süße füllen.“ Allein, allein und angstvoll lauschte Aida in die Dunkelheit. „Wo sind wir, was ist geschehen und seid ihr alle noch da? So sagt doch was.“<br />
„Ja tiefer, immer tiefer und ja so ist es gut. Mein geiler schwarzer Hengst, du bist der Beste von allen.“ Atemrasseln, Herzensleere und liliengleicher Verwesungsgestank.</p>
<p>Und drinnen waren seine Klauen tief in ihr Fleisch getrieben und Samen rann in ihr Innerstes, tiefer und weiter und tauchte dann in fischgleiches Gewebe ein.<br />
- Und ihre Augen waren nach innen gewendet, Mondfelder, die über Ozeanen schwebten, ohne Anfang, ohne Ende und sie trieb darin ganz regungslos. -<br />
Borstennacken, exstatisch zuckende Schneckenhaut, Triumph, Triumph, Triumph, sein Brüllen dröhnte in die Nacht hinaus, kraftvoll wie ein Löwenmaul und dunkeloffen wie ein Wildschweinrachen, Triumph.<br />
- Das Mondlicht spie eine Böe aus und die See geriet in Bewegung, tintengleiche Wellenhügel und zischende Gischt, die an die Oberfläche drängte. -<br />
In die Nacht hinaus, hinaus, Triumph, Triumph, Triumph.<br />
- Der Ozean brauste auf, Fischleiber, die sich ihren Weg aus der Tiefe bahnten, brodelnder Muschelkalk und laut berstende Algenexplosion. -<br />
Der Samen, in der Höhlung und der dunklen Tiefe, er zuckte lendenlahm, fiel in sich zusammen und gefror. Erlöschendes Sonnengleiß.<br />
Die Polarlichter erhoben sich von der Lakendecke und schwebten in den Raum empor, hell oszillierend. Der Wind trieb sie in Richtung Fenster, drückte sie gegen die Wolkenbank, wirbelte sie durch sie hindurch, hinaus und auf die fremde Fensteröffnung zu. Kühl, dunkel, hoch und tief hinab. Der Sternenhimmel glänzte und die Monde flackerten auf wie drillingsgleiche Lichterherzen.</p>
<p>Zeitextension, das Brüllen war verstummt, die Monde verblasst und die Nacht wieder so dunkel wie ein bodenloser Traum. Nah, nah, schwirrend fern.<br />
„Mein Herz wo bist du nur hin, ich spür dich nicht mehr, du warst weg und ich habe dich wieder gefunden. Kalt und verlassen hast du in einer Baumhöhle zwischen Fremden gelegen, und ich habe ich dich rausgeholt und dich an meine Brust gepresst und ich habe immer an die Liebe geglaubt. Die Ehe meiner Schwester war doch so glücklich gewesen, die Kinder anständig, die Familie beisammen und das Haus geschmackvoll eingerichtet und er war ein äußerst wohlanständiger Mann.“ Das Schwirren umspülte Aidas Füße wie ein luzides Meer, die Holzplanken des Bodens quollen empor, schäumten auf und gebaren Algen, Muschelkalk und Seesterne.<br />
„Die Familie und die Liebe, sind sie nicht doch das Einzige was zählt in dieser Welt?“<br />
Ein Seestern begann sich an Aidas Beinen emporzuhangeln, kroch höher und höher und streifte dann ihre Scham. Die Monde erzitterten, verschwanden im Morgendunst und der Raum wurde erneut roséfarben.</p>
<p>Zeitextension, stete Nachtgier entwich Charlies Atem wie gehauchte Ascheschleier, Schlangentänze, glühend entzündet, hinein und wieder hinaus. Jule hatte ihre Hände zu Fäusten geballt und schützend vor ihre Gesicht gelegt. „Nein und nicht mit mir.“ Und in einer abseitigen Ecke des Raumes schlief Marlies, das Hühnerbein war verschwunden, der Schlamm getrocknet und ihr Leib darunter verdorrt wie uraltes Geäst.<br />
Die Sonne erreichte den Horizont, ein Seestern griff nach Aidas Brust, der Zitze und biss zu. Sie erglühte. „Ich glaube an die Liebe und auch ich werde bald an Sie vergeben sein.“ Ihr eigenes Herz verlor an Gewicht und Sternenglanz senkte sich bis in den Morgen hinab. „Bald schon, sehr bald sogar und diesmal wird es meine Hochzeit sein, auf der ich tanze.“ Aida träumte mit offenen Augen, sie hatte die Augen geöffnet und es war kein Traum mehr.</p>
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		<item>
		<title>Kapitel 7: Große Audienz – Knochenspiele, neben Tieren, das Fleisch, Initiation, Herzensmahlzeit und Geschwisterliebe.</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Jul 2011 07:53:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claudia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Herzensfleisch]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/07/5.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-265" title="5" src="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/07/5.jpg?w=640&#038;h=215" alt="" width="640" height="215" /></a><a href="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/07/4.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-266" title="4" src="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/07/4.jpg?w=640&#038;h=213" alt="" width="640" height="213" /></a></p>
<p>Das Ende eines Regentages und der Anfang eines Neuen, die dichte Wolkendecke begann sich auseinander zu schieben und erste Sonnenstrahlen blitzten bereits durch das Himmelsgrau hindurch. Eine leichte Brise kam auf, verstärkte sich und dann mit einem Male strahlend helle Sommersymphonien in blau ferner Höhe und bis weit ins Sternenzelt empor. Planetengleißen, stetes Stratosphärenglühen, aus den Weiten des Alls kommend und fern von Alledem.<br />
Und weiter unten tanzten dann die Lichtflecke auf dem mit Moos und Veilchenkraut bewachsenen Erdenboden, Gelb auf Violett und Grün, zartfingrig frisch erblüht. Sonnenzittern, ein Marder steckte seine Nase aus dem Höhlenversteck hinaus, warm beschienener Pelz und die Brustpartie so weiß und zart wie schmelzender Sommerschnee. Ein zweites Tier kam hinzu, arglos achtsam und es verharrte still. Stämme über Stämme, Ast neben Ast und die Kiefernzapfen schwankten mild im Wind. Ein später Vormittag im Wald, hoch oben und weit entfernt von Alledem.</p>
<p>Knochen an Knochen, Fleisch an Fleisch, kirchlicher Kult, heilig unheilig und dekorativ sakral. Melodien erklangen, hallend dröhnend und weit erschallende Pestgesänge. Leibermassen wogten träge, Hirsche, Rehe und Fasane, das Wild aus den Wäldern, erbeutet, gefangen und reihum, reihauf an den Wänden aufgehangen wie stumm entleertes Seelenvieh. Höher, hoch und bis in die unendliche Dunkelheit der Kuppelwölbung empor.<br />
Hin und her und her und hin, Leber, Nieren und wild aufbrodelndes Gedärm, befreit und keine haltenden Knochen mehr, durch die Haut hindurch diffundiert wie flüchtig gewordenes Treibgut. Jeglicher Stütze beraubt, trieben die Organe nun in den fleischig blutgefüllten Körperinnenräumen umher. Reisende Herzen pochten im Takt hitzig klammer Klangwelten, Adern pulsten ohne das sie haltende Netzgestrüpp und Muskelstränge wölbten sich im und auch durch den Leib.<br />
Der Raumton verstummte und Elfenbeinhelle erschien in leuchtend stiller Dunkelheit. Kling, klong, klang, Ellen, Speichen und Rippenbögen, sie wirbelten hinab und tanzte aufeinander zu, leichtfüßig zart und ertönend. Höher, hoch und wieder tief hinab, xylofonschnelle Drehungen und schwebend leichte Verwirbelungen. Klackend knöchern ertönende Pas de deux in hyazinthblau duftende Strahlenkränze getaucht. Becken umschwirrten Schenkelhälse, Halswirbel umflatterten ein sprödes Schambein und ein Schwarm Fußwurzelknochen schwebte vorbei und verweilte zitternd bebend. Kling, klong.<br />
Das befreite Blut in den Leibern und Hirnen pulste und brachte Bilder mit sich. Sonnendurchflutete Lichtungen und Schmetterlinge, die von Blüte zu Blüte flatterten. Bläulinge, Malvenadmirale und Zitronenfalter, mit Flügeln so transparent wie regennasse Butterbrotpapiere. Träume, Träume, Illusionen. Eine Gruppe Rehe erschien, ihre Flanken zuckten auf und Fliegen surrten empor wie faulig schwarze Pestwolken, auf der Hut und auf der Flucht.</p>
<p>„Boa Scheiße, mach nen Abflug und lass mich endlich in Ruhe, du echt abartiger Kretin.“ Zwischen Fellen gefangen und knochenlos wogend. Jules Lippen waren weich wie Meeresschwämme geworden, sie murmelten. „Starr mich hier nicht so an und nimm deine gierig dreckigen Händen weg. Fick doch lieber wieder deine Alte ey, hat dich wohl lange nicht mehr rangelassen was? Pah, trocken geworden da unten wie ne Schrumpfapfelsine das gute Muttertier, ich hasse sie und dich erst recht!“ Sie unterwarf sich stets mit grausam klammer Lust, auf dem schmalen Bett des Kinderzimmers in tiefster Dunkelheit gelegen; und draußen sangen dann die Vögel mit ihren glockenhellen Stimmchen frühlingszarte Liebeslieder. Eine belebte Straßenzeile, Menschen gingen auf und ab, sprachen, lachten und führten ihre Einkäufe in blickdichten Tüten spazieren. Keine Augen und Ohren für andere Gefilde mehr. „Ich hasse sie allesamt.“<br />
Das Klacken verstummte, das Hyazinthblau erlosch und die Knochen versickerten wieder in das Gewebe des Getiers zurück. Lebend gepfählt, stumm bebend und besinnungslos entseeltes Ornamentdekor bis in die sternendunkle Unendlichkeit empor.</p>
<p>Wieder tief hinab, schwankende Massen und wildes Wogen. Auf der Bodenfläche tanzten jetzt die Leiberscharen zu diabolischen Musiken. Ockerblau aufleuchtende Augen und Flammengeflechte blitzten hervor, erloschen und entzündeten sich wieder und Rubinsteine flatterten zwischen den Brüsten empor wie blutig bleiche Blütenblätter. Sie verweilten in der Raummitte, taumelten und fielen dann erneut hinab. Fleischig pochend, tiefer, tief und wieder hoch hinauf. Dort erglühten sie dann als Opalgestein mit Fliegenlarven in sich. Noch am Leben, Leben, denn die Eiablage erfolgte stets im höchsten Sommer und mit hitzig prall geschwollenen Hinterteilen.</p>
<p>Zwischen Wild und in Charlies Armen gefangen.<br />
„Fuck, fuck geh weg von mir und übrigens ist Anfassen auch strengstens verboten.“ Keine Miene zum bösen Spiel. Jules Haare waren im Laufe der Jahre immer kürzer geworden und ihre Träume verflogen wie Herbstblätter im steten Wind der Zeit. Kein Augenglanz mehr unter den Lidern, niemals mehr, nie.</p>
<p>Fleischern lüsterne Statuetten, lauter, laut und Ende. Die Stille trat so Vollkommenen ein wie ein jäher Riss in Zeit und Raum. Sekunden der Ewigkeiten und Stunden, die sich eng zusammenzogen, regungslos erstarrt und leiblos wogend, illuminierte Dunkelheit bis weit in die Kuppelhöhe empor. Und in der Raummitte öffnete sich dann ein Schlund, seine Ränder flackerten wie eisig hauchender Asteroidennebel und im Zentrum glommen die Gestirne und Protuberanzen zischten empor, gleißend grelle Symphonien, lautlos leise hell.<br />
Träume, Träume, Illusionen, ein vulkanschwarzes Fluggeschwader rauschte herbei, verharrte zitternd wogend und flog dann weiter, über die Giebel und Wipfel hinweg in die Nacht hinauf. Ein Schiff kam, mit blähenden Segeln und einer vollbrüstig aufragenden Galionsfigur, die Asteroidennebel hatten ihrem Haupt eine Gloriole aufgesetzt, sie versprühten Perlenglanz und Sternenregen und überzogen die Planken mit blutig glänzendem Schorf. Klamme Atemkälte entwich dem Himmelsraum, die Segel des Schiffes begannen sich aufzublähen, barsten und rieselten dann zu Boden wie überwelk gewordene Herbstblätter, knisternd klebrig und voll von entzückender Süße. Aus, ende, aus, die Zeit, sie stand still.</p>
<p>Neubeginn und Implosion. Die Zeit kam wieder mit einem in sich gekehrtem Knall und Helligkeit quoll hervor wie rot glühendes Eisensulfid. Raumvibrierende Erschütterungen und ein neuer Ton kam auf, er summte ozeangleich, drang in Leib und Gebein und ließ Flatulenzen aus den Gedärmen entweichen wie kehlige Trompetensalven, laut, leise, ohrenbetäubend. Ende, aus und der Ursprung.<br />
Raumfüllende Gewebemassen, Bauchfalten, die sich zu Gebirgen türmten und Schenkel, so aufgequollen wie prall gepumpte Lasterreifen, das Fleisch, der Ursprung, der Ort. Die Augen waren nach innen gerichtet und marmorn gerundet horchten sie auf das Rumoren in dem gewaltigen Leib, dort dann Blutflüsse wie wild rauschende Orkane und eine Gebärmutter, die Paläste beherbergen konnte. Säugendes Muttergetier und eine Pforte zum neuen Sein, sie warf ohne Unterlass und die Zitzenstränge waren schon voll von Engerlingen, sie tranken mit angedockten Mäulern und stillten ihren ersten Lebenshunger, gierig wie Vogelküken und blutverschmiert wie Mordopfer. Schmatzende Vulvenstille, gurgelnder Lebensfluss, verströmend, fließend, hinaus, in der Mitte der Kuppelhalle mit Bärengold ausgelegt und von Blatttänzern bewohnt.<br />
Und drum herum dann Huldigungen mit erigiertem Fleisch, obszön verrenkte Glieder, Brüste, Ärsche und aufklatschende Schenkelhaut, frenetisch unterworfen und schweißgetränkt glatt. Fanfaren trompeteten aus vollster Kraft und drangen bis in das Knochenmark hinein, Menge, Masse, Wogen, lüstern zuckende Gemächter, die in Hintergänge drängten und sich immer tiefer in die Gedärme wühlten und sie innerlich bespritzten. Münder saugten gierig den Ausfluss aus, rektaler Milchtropf, braun getränkt und faulig gefärbt, ENTLEERT. Hallend wie ein nie bewohntes Kirchenschiff und verödet wie eine leergefickte Todesgrotte, denn die Vulvengänge, sie waren seit Anbeginn der Zeiten nicht angelegt worden wie ein steter Fehler im Sein. Speichelflüsse und der Schleim der Purpurschnecke brachten Linderung der rektalen Trockenheit, bei Vollmond auf den Ligusterstäuchern gesammelt und mit gierigen Fingern eingeführt, für die Extase und den Rausch. Leiberhaut wie schmelzende Käferpanzer, die Münder zu Clownsfratzen verzogen und auf den Lippen erglänzte eitrig wund geriebener Rosenschorf, die Brut, die Huldigung, der Kult.</p>
<p>Zäsur, die Kuppelhöhe neigte sich dem Boden zu und küsste ihn mit demutsvollem Lippenfleisch, himmelwärts gedreht um sich dann erneut in die Unendlichkeiten hinauf zu katapultieren. Feuer entfachten sich opiumwarm, das Licht erkannte keinen Tag mehr, die Luft erbrach sich und stank nach zuckerfeinem Gekröse.</p>
<p>Das Ritual, ausufernde Körperprachten, Rücken an Rücken und Gesäß an Gesäß. Hautnah nackte Engerlinge, jeweils zu fünft gebündelt und durch ihre Haarstränge miteinander verflochten schwebten sie aus der Gewölbehöhe in die Tiefe hinab. In gleißende Helligkeit getaucht wie in jähen Sonnenschein, der keinen Ursprung nur ein Ende zu kennen schien und ihre noch geschlossenen Geschlechtsmembranen schluckten das Licht, spien es wieder aus und tauchten den Raum in ein fliederfarben changierendes Farbenspiel.<br />
Weiter, tiefer und hinab, sie stoppten und die Ersten baumelten schon auf halber Höhe, Flanke an Flanke, Haut an Haut und mit weit aufgerissene Kinderaugen, die bereits lüstern opalblau glommen. Die Herzen pochten unschuldig, schuldlos, schuldig.<br />
Die Bündel begannen sich zu drehen, wirbelte immer schneller und schneller und dann spreizten sich ihre Leiber ab wie die Blütenblätter einer Orchidee. Pelzodeur verteilen sich im ganzen Raum und die Wandbekleidung, lebend warm und im Delirium verfangen, erwachte taumelnd. Die Fanfare trötete auf wie ein neugeborenes Kalb und mit einem ohrenbetäubenden Knall entzündeten sich die Blütenkreisel und Feuerbälle schossen aus den Gliederblättern hervor wie zischend heißer Drachenatem.</p>
<p>Weiter unten dann ein wildes Wogen, Leiber klatschten aneinander und brüllten Unverständliches, Gemächte flutschten hinaus und schnellten an Schenkel und Lenden zurück, der Taumel, der Wahn, die Brut.</p>
<p>Lodernde Leiber ohne Begrenzungen, die Feuerräder wirbelten tiefer und tiefer, Fußsohlen verschossen Blitze, Schenkelhaut glomm und die Luft stank nach ihrem versengten Blut. Begierig sog die Menge den Geruch ein, süß, würzig und vertraut, Familienbande, Generationensprosse, schon begehrlich erwartet.</p>
<p>Das Fleisch, der Ort, es gebar und warf ohne Unterlass jungfräulich blutende Engerlinge aus. Augen wie die Glühpunkte einer Dolchklinge, Gedanken sangen Wiegenlieder, weit entfernt, ohnegleichen, sie erfroren. Eiswasser sickerte aus allen Poren, Muskelringe zuckten auf und verschlossen sich, Schleim sickerte in das Gewebe zurück und der Mutterkuchen zerbröselte hart. Stillstand, Ende, aus, die Bewegungen der Menge wurden schwerfällig und ein Schwingen und Summen brandete auf wie das eines riesigen Insektenschwarms. Pechschwarze Winde wehten herbei, Arme taumelten empor im noch ungeübtem Flügelschlag und Tracheen pumpten Sauerstoff und brachten den Geruch von immerwährender Nacht und faulig feuchter Baumrinde mit sich. Nahende Transformation, Verpuppung, Verkrustung, die Haut zeigte schon die ersten Risse und bald würden auch sie kopfüber hängen, bald, bald und bis zum Ende jedes Sommers hin.</p>
<p>Und dann hörte alles so auf, wie es begonnen hatte, die Menge war wieder ganz gierig nackte Leiber und schwellende Geschlechtermelange. Zungen schlüpften aus Gedärmen und in Münder und Ohrmuscheln hinein, tiefer, weiter und hinaus.<br />
Die Feuerräder erreichten den Boden, erloschen, die Seile wurden wieder zurückgezogen, der Lichtschein verlor sich in der Unendlichkeit und glimmende Finsternis kam auf. Rot wie Blutlack, schwarz wie verwesendes Goldamber.<br />
Tongleiche Leiber eilten herbei, kappten die Haarstränge und schürten das verbrannte Fleisch ab. Mechanische Bändigung mit plumpen Händen ausgeführt, Hirschhautriemen, fester und fester, Leiberzittern, Wangenwogen, die Geschlechtsmembranen wurden brüchig und knackten. Frische Brut, noch ungeöffnete Neulinge, sie trugen sie davon und sogleich baumelten sie wieder, an Gestängen nebeneinander aufgereiht wie lebend gefangene Räucherfische. Bald, sehr bald war es so weit.</p>
<p>Die Hitze im Saal nahm zu, das Fleisch dehnten sich aus, sein Geburtskanal öffnete sich erneut und entließ dann mit einem Ruck die festgesessene Nachkommenschaft. Stumme Larvenpuppen, blaue Todgeburten, zahnlos blind und vergessen schleimüberzogen. Rasch räumten die tönernen Diener sie beiseite und die wogende Menge stürzte sich begierig auf sie und zwängte die erfrorenen Körper gewaltsam in ihre Gedärmgänge hinein. Begehrliches Geburtenzucken, falsche Mutterhöhlungen, keine, nie, zu dunkel und zu eng. Schädel barsten und Muskelringe rissen blutig entzwei, hinein, hinein und hinaus.</p>
<p>Trommelwirbel, Trompetenklirren und schon wurden die ersten Gestelle herangerollt und kamen vor IHM zum Stehen. Hin und her, her und hin, die drallen Körper schwollen in den derben Fesselungen und zitternde Hinternbacken brachten das Metall zum Schwanken.<br />
Erwartungsvoll sog die Brut die Witterung ihrer Geschwister ein und vergaß das eigene Fleisch aneinander zu reiben, sie beteten an, sie ergötzten sich, sie warteten ab. Das Raumlicht erglühte purpurfarben und der Fäulnisduft erreichte eine fast unerreichbare Süße. Borstiger Schneckenleib und großartig glatter Grandezza, er grunzte, richtete sich auf und dann schwollen auch seine beiden Geschlechter hoch an.<br />
Die Dienerschaft wuselte herbei und schlug auf die Membranen der Neuankömmlinge ein und von den Flammen gehärtet zerbrachen sie wie die Schalen von Esskastanien. Die frischen Geschlechter fielen heraus, noch feucht brandig wurden sie in die Länge gezogen, zitternd und zuckend vor Qualen und den schon aufkeimenden Begierden. Gestänge für Gestänge, einer nach dem anderen, und dann wurde das Schmalgliedrigste aus der Gruppe herausgeholt und zu SEINEN Füßen abgelegt. Noch zeigten die Brüste kaum eine Wölbung und die Schenkel bebten kindlich schmal, sie wuchsen und sie schwollen an.<br />
Grandezza, abwesend zart streichelte er den aufgehenden Leib, aber seine Hände waren schon zu Klauen gekrümmt und aus dem Maul liefen schwarze Spuckefäden, und dann ließ er die Stimmbänder schwingen. Er rülpste wie ein Schwein und röhrte auf wie ein brünstig draller Hirschbulle.</p>
<p>Die Öffnung, Bemächtigung und Initiation. Mit nur einem Stoß drangen seine beiden Schwänze in den Anus ein, schlängelten sich die Gedärme, die Speiseröhre empor und schlüpften durch den Mund wieder hinaus. Smootsch, der Neuankömmling würgte und eine dunkle Flüssigkeit schoss aus ihm hervor, ergoss sich über den Fußboden und stank nach halb Verdautem, Jauchegrube und Tod. ER röhrte auf, die Augen erglühten, Hitze entströmte seinem Nackenfell und dann war es auch schon vorbei. Seine Schlangenschwänze schnellten zurück und er wandte sich dem Nächsten zu. Mit gierigen Händen griff er nach dem jungen Leib, glitt zu den Brüsten empor, dem Schwanz, drückte ihn, molk und faulig eitrige Milch tropfte hinab und dann stieß er wieder hinein und hinaus. Kind für Kind, Neuankömmling für Neuankömmling begann er zu öffnen, zu durchdringen, schnell, langsam, schnell. Grandezza, Grandezza, Grandezza, sein Anubiskörper glänzte, das Eberhaupt war keuchend weit erhoben und Blutlicht tropften die Wände hinab wie purpurner Magenschleim. Die Menge um ihn herum wogte und wartete ab denn sie wusste, dass ihre Zeit bald kommen würde, hinein und wieder hinaus, wieder, immer wieder und dann war es geschafft.<br />
Frisch herangereifte Brut, sie wandte sich sie auf dem Rubinaugenboden, die Leiber schweißbeperlt und die Gedärmöffnungen blutwund rot geschwollen, geweitet und enthöhlt. Und Dienerschaft wuselte herbei, half ihnen auf aufzustehen, denn das Fleisch wollte sie empfangen, der Ort in der Mitte des Raumes und der Ursprung allen Seins.</p>
<p>Die Audienz.<br />
Sie öffneten die Münder wie Vogelküken, Herzensmahlzeit, Hostien aus Herzen und pochend rohen Pralinees, hinein, hinein, hinein. Blutfäden liefen ihnen das Kinn hinab und Arterien knackten auf und zeigten keinerlei Widerstand. Tief hinab, im Leibesinneren dann rasch zersetzt und dem Kreislauf zugeführt und sie, die Neulinge würgten zum zweiten Mal an diesem Tage, nahrhaft nährend und hinein statt hinaus.</p>
<p>Der Kult.<br />
Die Geschwistermenge toste, griff nach den Neuen und ihre Zungen glitten über Wangen, Brüste und pressten sich an ausufernde Hinterteile. Lüstern hitziges Gemenge, stattlich erigierte Gehänge und das Gekröse begehrlich hervorgestülpt, Fleisch klatschte an Fleisch, und Schwänze bohrten sich in die noch wunden Gänge hinein, weiter, tiefer, pumpend. Geschwisterliebe unter SEINESgleichen, hinein, hinaus, hinein. Winde wie schwarzfaulige Schmetterlinge, Choralgesänge bis in die unendliche Raumhöhe empor und die Wände wogten dazu mit perlzwarm flackernden Flankenreihen. Reihe um Reihe, Glied um Glied, Rehe, Hirsche und allerlei Getier, nebeneinander aufgehangen, verdösten sie die Stunden unter Schattenbäumen oder ästen tagelang auf sonnenwarmen Lichtungen.</p>
<p>Aidas Mund war gegen ihr Handgelenk und das pochende Adergeflecht gepresst. Sie träumte von Kindern, Ehe, Liebe, Mutterglück und Leidenschaft und dann noch von einem Ort, hoch oben, azurblau und dicht neben den Wolken gelegen.<br />
Jule schlug um sich. „Geh weg du elendiger Kretin, runter von mir und bleibe da&#8230;!“ Schaum quoll aus ihrem Mund und das geschorene Haar drängte dunkel durch die Kopfhaut nach.<br />
Charlies Leib wand sich neben dem eines Hirschbockrüden, sein Gemächt näherte sich ihrer Scham, zuckte wild auf, schwoll an und drang dann ein. „Raymond, Raymond ich liebe dich mein Schatz.“ Vergeben und vergessen.<br />
Und Marlies, ihr Fischmaul öffnete sich und entließ nur Erbrochenes, Sünde, Laster, Frevel; und dann nur noch pure Gleichgültigkeit.</p>
<p><span style="color:#008000;"><br />
</span></p>
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		<title>Kapitel 6: Gefangen – Morgengrauen, der Wald, die Hatz und aufgehangen zwischen Fasanen und Wild.</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Jul 2011 07:17:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claudia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Herzensfleisch]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/07/12.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-260" title="1" src="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/07/12.jpg?w=640&#038;h=185" alt="" width="640" height="185" /></a><a href="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/07/22.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-261" title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" src="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/07/22.jpg?w=640&#038;h=187" alt="" width="640" height="187" /></a></p>
<p>Ein Morgen vor dem Gemäuer. Wolkenberge türmten sich am Himmel wie umgedrehte Satellitenschüsseln, die Winde standen neblig still und Nieselregen durchtränkte die Luft mit knochenspröder Feuchtigkeit.<br />
Leiber drängten sich aneinander und ihre Muskelmassen wogten zitternd, braunfahl glänzend, jaulend, röhrend. Weit aufgerissene Mäuler und Zahnreihen wie Höllenpfähle, aus den tiefsten Tiefen der Kellergewölbe empor gekrochen und Pestilenzen verströmend wie ein verwesendes Wolfsrudel. Ausgefahrene Krallen und Fänge wie Fangnetze, bereit, bereit zur Bemächtigung von allem Lebendigen, zum Jagen, Preschen durch die Wälder, Sümpfe und Teiche, dienstwillig, dienstbar, demütig.<br />
Ein helles Geräusch, eine jähe Bewegung und die Meute kannte keine Grenze mehr. Ihre Leiber begannen zusammen zu rücken wie sich verfestigendes Baumharz, Körper an Körper, Muskel an Muskel und Haut in Haut. Verschmelzendes Knochengefüge und wild wogendes Gedärm, eine leibliche Einheit werdend, enger, eng, ineinander gedrängt, verbunden, verwoben und dann nur noch EINS.</p>
<p><em>Weit entfernt, am anderen Ende der Welt und an ihrem Beginn. Der Sternenhimmel strahlte über dem Ozeangewässer, dunkel und tief und für alle Ewigkeiten gefroren. Aurora wirbelten über der Eisfläche, öffneten ihre Schweife und streckten sie dem Sternenglanz entgegen. Gesichter wie Rosenknospen und die Leiber liliengleich und wunderschön wie weiße Anemonen, rotwangig, fahl, gebrochen. Sie verging wieder. Seegras und Schlick kamen auf und dunkelfaulig vertrieb es die Nacht und die Sonne begann am weiten Horizont auf zugehen, kristallin blass und silberhell. Das Eis wurde durchscheinend und Sirenen erschienen, sie schwebten empor und tanzten mit fahlen Wangen und längst verstummtem Lippenfleisch. Wunderland, ohne Ton, ohne Laut und silberhell fern erklingend.</em></p>
<p>„Hey du perverse Betschwester, was starrst du mich hier so an?“ Marlies lag dicht neben ihr, Arm an Arm, Wange neben Wange und auch der Mund war viel zu nah.<br />
„Höllenwinde werden kommen, glühend heiß und unerträglich, das Haar wird lodern, die Haut zu Pergament werden und einen bestialischen Gestank verbreiten und niemand wird verschont werden, denn keine ist in ihrem Leben jemals ohne eine einzige Sünde geblieben. Auch du nicht junge Frau.“<br />
„Die Einzige, die hier irgendwelche Winde ablässt, bist du, stinkst nämlich aus dem Maul wie Hölle. Und los, wälz dich wieder rüber zu der Mami, aber flott, sonst kannst du deine kostbaren Einzelteile schön da unten wieder einsammeln gehen.“ Schnaufend drehte Jule sich herum. „Fuck!“ Schmerzhaft blau gelegen in der Nacht und auf dem viel zu harten Felsengrund.<br />
„Was ist los und wer macht da so einen Lärm?“ Charlie tauchte aus dem Schlaf empor, matt wie eine Gliederpuppe, träumend und zungenlahm. Sie sprach:<br />
„Das ist sehr unprofessionell einen potenziellen Kunden auf diese Art und Weise zu behandeln, wissen Sie das denn nicht, Frau Sowieso und Herr, habe alle Hoffnungskarten auf den jungen Burschen da gesetzt? Denn der Kunde hat bei uns höchste Priorität und er wird sich das nicht bieten lassen und sich an die Konkurrenz wenden, und sie wird über uns lachen, uns vom Markt drängen und wir dürfen dann sehen, wo wir bei der prekären Lage heutzutage bleiben. Wir werden nicht mehr mithalten können und, das sage ich ihnen jetzt ganz gerade heraus, ihr ruinöses Verhalten wird für Sie beide Konsequenzen haben, jawohl Konsequenzen und zwar Ernsthafte!“ In der Luft und im morgendlichen Traum, Flugechsen streiften ihren Leib, die Brüste und auch die Scham. Sie verweilten.<br />
„Aber dennoch, ein bisschen Spaß sollte jedem eingestanden werden, einige winzig kleine Ausschweifungen in dem ansonsten so strebsamen Leben, nach Luxus und nach Anerkennung. An Feierabend und in einem gerechten Maß natürlich, stilvoll genossen in der richtigen Gesellschaft, der Abgeschiedenheit des Appartments, der Eigentumswohnung, der Villa mit Gartenteich und Pool. Arbeiten und Leben, Leben und Streben, nur einige wenigen so vergönnt, nicht wahr? Die Kinder, der Mann, das Auto, das Haus. Der stets potente Liebhaber, der solvente Bekanntenkreis, die Karriere, die lieben Kollegen, Party nach Party, Hotelzimmer für Hotelzimmer. Der Zimmerservice war stets vorzüglich gewesen, die Küche leicht und gehoben und das Drachenfliegen hat mir den echt ultimativen Kick gebracht, so hoch oben in den Wolken und fern von allem in dieser fremden Stadt. Und die Hausarbeit, ja, die ist dann doch Nebensache oder? Denn wozu gibt es Kräfte aus den Provinzen, die unterwürfig nicken, ja Madame und wird gemacht wie Sie es wünschen, und dann das ganze Geld doch wieder der Familienbrut in den Rachen schieben.“<br />
Jule schüttelte sie wach und die klamme Morgenluft tat ihr Übriges. Blinzelnd schaute Charlie in das Himmelslicht empor, weiter, höher und nichts als nebeltrübe Weite überall.<br />
„Wo ist eigentlich Aida abgeblieben? Ich kann sie hier nirgends entdecken, hoffentlich ist sie nicht wieder in dieses Labyrinth zurück, so verwirrt wie sie war. Im Prinzip kann sie ja tun und lassen was sie will, aber eines ist sicher, von dort drinnen hole ich sie nicht wieder raus!“<br />
„Sie ist fortgegangen.“ Marlies Mund klappte auf wie ein hohler Karpfenschlund. „Hat sich mitten in der Nacht da runtergeschlichen, habe sie dabei beobachtet. Ganz durcheinander war sie gewesen, hat andauernd in den Himmel hochgeschaut und dann ist sie den Lichtern gefolgt und ihren falsch aufleuchtenden Versprechungen. Eine Verirrte in tiefster Dunkelheit und eine Sünderin, barfuß, halb nackt und mit aufgelöstem Haar und ganz alleine dabei, unbegleitet, fehlgeleitet und herrenlos.“ Herrenlos, ihr Mund schloss sich wieder, zahnlos und ermattet.</p>
<p><em>Hoch über der Landschaft gelegen, nahe der Wolkendecke und tief unten dann das endlos sich erstreckende Dunkel der Wälder, dicht und undurchdringlich. Aida hatte es zu Fuß durchquert, immer weiter und weiter bis dann die ersten Wiesen in Sicht kamen und die rauschend wogenden Schilfgürtel. Eine Weide am Teich und zwei Herzen unter einem Farnwald vereint. Im Schlummer versunken, träumend, hoffend, liebestrunken arterienwarm pochend und am Leben.</em></p>
<p>Der Abstieg und immer weiter den glatten Felsabhang hinab.<br />
„Los stellen Sie sich nicht so an, wenn sie es hier runtergeschafft hat, wird es auch für uns möglich sein. Nur mir nach.“<br />
„Ja klar doch Blondi, wenn du es so sagst, du bist ja die Chefin hier, also immer nur schön weiter runter in den rutschigen Wahnsinn. Und du da hinten passe bloß auf, gleich gehst du voran und dann gebe ich dir auch mal ordentlich Fersengeld du trampeliger Kretin.“ Charlie, Jule und Marlies. „Hier entlang ist es richtig, da ist sie vorbei gegangen.“ Bunt leuchtende Stofffetzen von Aidas Abendkleid hatten sich an den Steinvorsprüngen verfangen, wehten wie Wimpel im Wind und wiesen ihnen den Weg.<br />
„Weiter, weiter und bitte nicht andauernd stehen bleiben.“<br />
Nahende Waldestiefe und die Wipfel schimmerten schon verheißungsvoll verhangen.</p>
<p>„Ich höre was, da, da, nein dort drüben.“ Wieder in das Gehölz eingetaucht. „Scheiße was ist das, da hinten, über uns, überall!“ Wieder viele, laut, leise, laut. „Schneller und mir nach alle Mann!“ Keuchend, knackend, hinterher. Moosglätte, Astgewirr, eine Schlinge legte sich um Charlies Fuß, zog sich zu und schnellte hoch. Bis Kronengeäst empor, dort dann zappelnde Tierleiber, baumelnd dicht gedrängt. Endpunkt, Ende und wieder hinab.<br />
„Blondi scheiße wo bist du, komme zurück!“ Hängende Zungen, aufgeworfenen Lefzen, hetzend, hetzend, hinterher.<br />
„Halt mich, halt mich!“ Marlies Hand, zu weich, zu hitzig, zu glatt. Sie rutschte ab.<br />
„Ich will nicht sterben, weg von mir ihr abscheuliches Höllengetier!“ Keuchend, schmatzend, eins, zwei, drei, zu viele und über sie und wieder davon.<br />
Leiber über Leiber, eine Meute, weiter, immer weiter und dem Wild hinterher, aus den Höhlen, Dickichten hinaus und dann Gefangennahme.<br />
„Neiiin&#8230;!“<br />
Sie wurden in die Netze hinein geworfen wie willenloses Vieh, an den Flanken baumelnd und scharf geschnürt.<br />
„Festhalten, nicht verlieren, bildet ein Team!“ Trophäenjäger, Muskelleiber, hetzend und auf der Hatz. „Seid ein Team, Team!“ Hitze, Hatz, weiter, weiter und immer weiter. Charlie stürzte hinab und wurde erneut aufgefangen, Jule verdrehte sich diagonal abwärts und Marlies verschluckte ihre Zunge. „Team, Team&#8230;“ Hitze, Kälte, Fieberglut, sie erbrachen sich übereinander, gallenbitter und gegen den Wind.</p>
<p><em>Hoch oben war ihr Refugium und der Himmel darüber leuchtend Azur, heute jedoch wolkenverhangen und regnerisch grau. Rosenfeine entströmte ihren Nasengängen wie gefrostet Milch, sie atmete mit gepressten Lungenflügeln und ihre Finger umschlossen ein luftiges Nichts. Eine Mutter, eine Erzeugerin, ein eigenes Sein, in entlegener Höhe und im immerwährenden Schlafe gefangen, enteignet und entleibt.</em></p>
<p><em>Das Erwachen, unter dem Farnwald versunken und traumwandlerisch rege. Unruhig wälzte Aida sich im Schlaf umher und sie fühlte, wie das Herz leicht wurde, das Zweite, das in der Nacht aus einem fremden Nest geraubte und mit zitternden Händen auf ihre Brust gelegt. Enteignet. Sie träumte von Türmen und Gärten, sie offenbarten sich ihr und verschwanden wieder hinter dick grauen Nebelwänden. Rosenblüten, hoch oben, tief unten, der Traum, das Leben, das Sein. Sein Leib war in graues Zwirn gepresst und atmete ehrenvolle Würde aus, ihrer war mit ausuferndem Tand geschmückt, zu farbenfroh, farbenfroh und wohl genährt. Er lachte und sie weinte mit offenen Augen und geschlossenem Mund, Gattin und Gemahl, zueinandergefunden und sich doch fremd geblieben, in all der langen Lebenszeit. Sie hasste ihn, sie liebte ihn, das Kind und ihr liebestolles Herz.</em></p>
<p>Ein scharfer Knall und Beinpaare wühlten das Erdreich auf. Schnüffelnde Meute, hierhin, dorthin, überall. Hechelnd knickte sie die Blätter um und entwurzelte das Gras, auf der Hatz, vorbei, vorbei und heran. Sie umzingelten den Weidenbaum und wurden fündig. Beutenahme, japsend jaulend und keuchend erregt. Aida schrie, das Herz fiel von ihrer Brust hinab und das Eulenpärchen schreckte aus dem Schlafe hoch. Verstört und mit tagesblindem Augenlicht. Und Hitze, Hatz, weiter, immer weiter und bis in die Gewässer hinein. Netze schossen empor und Fischleiber, Muschelschnecken und Kieselgras, den Tiefen entrissen wie innerste Organe und tropfend ans trübe Tageslicht empor geholt. Sie verloren ihren Glanz. Beute, Raub, Fang und Gefangennahme. Zurück durch die Wälder und die Auen, holpernd und mit schwerem Gepäck beladen. Pelze, Leiber, Klauen und schweißscharfes Wildodeur, neben ihnen, unter ihnen, auf und überall. Schreie, Flüche, Übelkeit, an den Flanken baumelnd, noch am Leben, Leben und dann die rettende Ohnmacht. Zurück, zurück im rasenden Galopp.</p>
<p>Vor dem Gemäuer dann und auf der regennassen Rasenfläche, Waldgetier und Wild, gefesselt und nebeneinander aufgereiht. Dampfende Feuchte entströmte den Flanken und die Augen waren weit aufgerissen, schwarzblank glänzend wie übergelaufene Mondseen. Bei Bewusstsein, Panikblicke und röhrendes Gebrüll, die Meute umzingelte sie, einzeln, viele und wieder enteint. Geöffnete Rachen und Hauer, wie gebogene Krummdolche, ein gezielter Biss und das Röhren verstummte.<br />
Entblößte Zahnreihen, hilfloses Zungenzittern, Adergeflechte pochten gegen Schädeldecken und Hirnmassen versuchten zu begreifen, kein Klang mehr, keiner, keiner, nichts. Hirsche, Rehe, Ricken, ihre Stimmbänder waren durchtrennt worden wie die Seiten eines Klaviers, Geweihmelange klackte aneinander und die Läufe zuckten wogend wild. Nebeneinander, übereinander, gefangen. Ein Zwölfender wand sich um die eigene Achse, verhedderte sich und brach sich das Genick ohne Laut. Ein Kitz versuchte an die Zitzen seiner Mutter zu gelangen, reckte und streckte sich und gab auf, hilflos zitternd, sehnsuchtsvoll bebend. Erbeutetes Getier auf der Rasenfläche vor dem Gemäuer liegend.</p>
<p>Charlie, sie träumte und schlief, ihr Mund barg Vogelnester in sich und die Augen waren himmelwärts gedreht.<br />
„Es muss eine logische Erklärung für das alles geben, es gibt sie immer und ja, ja, da bin ich mir ganz sicher, auch für das hier. Die Welt ist rund und keine Scheibe mehr, zu viel Sonne ist schädlich für den Teint und die Abrechnungen des letzten Quartals habe ich am Mittwoch meinem Steuerberater übergeben. Er wird sie korrekt erledigen und es mir in Rechnung stellen, die Personalabteilung wird sich um Herrn Meyer kümmern und die Küche um das georderte Straußensteak, denn es darf nicht sein, was nicht sein kann.“ Das Himmelgewölbe sickerte in ihre Gedanken ein, knisterte elektrisch aufgeladen, transparent und viel zu hell.<br />
„Raymond was bist du doch für ein Prachtkerl gewesen, schwarz wie ein Hochhausschacht und begierig wie der Teufel in einer durchzechten Kneipennacht, ich vermisse dich und du kannst von mir aus gerne zur Hölle fahren. Ich war deine Frau und du ein Mann, wie er zu sein hat, einer fürs Bett, die Lust und einer für die Kinderzucht. Ich habe an dich geglaubt, wie man an einen guten Geschäftsabschluss, das Fernsehprogramm oder an den Märchenprinzen glaubt, du warst meine Investition in die Zukunft gewesen und du hast mich aufs Übelste gelinkt.“ Augen wie Mandelkerne, zu groß, zu glänzend und an jenem Abend hatte er sie viel zu lange mit seinem weich gespültem Raubtierblick taxiert. Und der Merengue und sein Hüftschwung waren dann es gewesen, die ihr Lendenfleisch stets aufs neue erzittern ließen. Lippen auf Lippen und Leib auf Leib, flüsternde Begierde, aufkochende Leidenschaften und sein Samen schoss direkt in ihren nur allzu bereiten Schoß hinein. Treffer für Treffer, Nacht für Nacht, Exotisch geile Fleischbeschau in einem fremden Land, Tage, Wochen und ein Leben lang. Zuhause und am Tage fanden sie dann keine gemeinsame Sprache mehr, außer der einen und so Altbekannten, Buschfeuer, Trommelschläge und dann nur noch ein substanzlos fernes Rauschen. Die Trennung erfolgte in beidseitig gebrülltem Einvernehmen, der Kinderwunsch war abgehakt und auch die Illusion einer gemeinsam aufzubauenden Existenz hatte sich erledigt. „Raymond, ich vergebe dir alles und ich breche dir das Genick, wenn du mir noch mal zu nahe kommst. Du taugst zu nichts, keinen Job kannst du länger als ein paar Wochen behalten und selbst die Unterhaltszahlungen hast du mir überlassen, du hast minderwertiges Blut in dir und bist nur für das eine gut und das will ich auch von dir. Komme zurück zu mir!“<br />
Flügelschläge hallten am Gemäuer wider, Fasane, Wildenten und Perlhuhnkolonien, an den Füßen zusammengebunden und verstummt.</p>
<p>„Blondi was laberst du für einen verdammten Scheiß, wach auf, kannst uns doch jetzt nicht einfach so im Stich lassen, das ist echt unfair&#8230;!“</p>
<p>Die Meute, viele, eins und unendlich viele. Gefangennahme und sie fanden sich auf Gestängen wieder, hoch oben und in bodenloser Dunkelheit. Aufgehangen zwischen Fasanen und Wild.</p>
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		<title>Kapitel 5: Wieder Wald – das Hochplateau, endlich Regen, Sternenglanz und das Herz in der Weide.</title>
		<link>http://herzensfleisch.wordpress.com/2011/06/20/kapitel-5-wieder-wald-%e2%80%93-das-hochplateau-endlich-regen-sternenglanz-und-das-herz-in-der-weide/</link>
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		<pubDate>Mon, 20 Jun 2011 11:44:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claudia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Herzensfleisch]]></category>

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		<description><![CDATA[„Weiter, bitte immer weiter gehen, nur noch ein paar Schritte und dann haben wir es geschafft!“ Charlie, Jule, Aida und Marlies, sie quälten sich den schmalen Weg zwischen den Felswänden empor. „Durchhalten, bitte nicht aufgeben, los, los.“ Schattenspiele, ferne Lichterflecken, &#8230; <a href="http://herzensfleisch.wordpress.com/2011/06/20/kapitel-5-wieder-wald-%e2%80%93-das-hochplateau-endlich-regen-sternenglanz-und-das-herz-in-der-weide/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=herzensfleisch.wordpress.com&amp;blog=4041504&amp;post=233&amp;subd=herzensfleisch&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/06/herz.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-236" title="herz" src="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/06/herz.jpg?w=640&#038;h=179" alt="" width="640" height="179" /></a></p>
<p>„Weiter, bitte immer weiter gehen, nur noch ein paar Schritte und dann haben wir es geschafft!“ Charlie, Jule, Aida und Marlies, sie quälten sich den schmalen Weg zwischen den Felswänden empor.<br />
„Durchhalten, bitte nicht aufgeben, los, los.“ Schattenspiele, ferne Lichterflecken, höher, weiter und dann ein hell aufgleißender Widerschein.<br />
„Was ist das? Verdammt zurück, werde ja gleich blind hier.“<br />
„Das Feuer, die Hölle, sie brennt!“<br />
„Ey Blondi, blendet hier aber echt wie Hölle.“<br />
„Das ist das Fegefeuer, jetzt ist es da, wir werden brennen und für immer und ewig uns in unerträglichen Schmerzen winden.“<br />
„Das sind Engelslichter, ich spüre wie ihre zarten Finger über meine Wagen streichen, sie sind gut, sie sind warm und sie werden uns retten. Sie sind die Liebe.“<br />
„Unsere Haut wird platzen, die Knochen brechen und die Augen aus den Höhlen quellen wie bunt bedruckte Jahrmarktballons.“<br />
„Engelslichter der Liebe.“<br />
„Ich will jetzt noch nicht sterben!“<br />
„Mensch Leute, dreht jetzt nicht durch, wir haben es endlich geschafft. Wir sind draußen!“</p>
<p>DRAUßEN, das Sonnenlicht traf sie mit seiner ganzen Kraft, gleißende Strahlenkränze in einem azurblauen Himmelsgewölbe, flimmernd, hitzig und weit.<br />
„Sind alle vollzählig und ist niemand unterwegs verloren gegangen? Bitte einmal kurz durchzählen, eins, zwei, drei. Ok, alles im Lot, nein halt, stopp. Alle Mann sofort wieder zurück!“ Dem Erdengrund entkommen und seinen tiefsten Tiefen, das Felsplateau war hoch über der Landschaft gelegen, nahe der Wolkendecke und weit über den dunkel wogenden Wäldern. Säuselnde Felsformationen und fernes Vogelkreisen. Adler und Bussarde und nur als kleine Punkte am Horizont auszumachen, ganz nah, mit gespreiztem Gefieder und weit geöffneten Schnäbeln, Schlünden, gelbkehlig rot und nach Beute spähend. HUNGRIG.<br />
„Und bitte dicht an der Wand dran bleiben, da ist am sichersten. Werde selbst mal die Lage auskundschaften gehen, vielleicht gibt es da runter ja so was wie einen Weg.“ Charlie machte einen Schritt auf den Felsabgrund zu. „Wenigstens sind wir aus diesen Grotten draußen, bin ja fast erstickt da drin, aber jetzt ist es ja Gott sei Dank überstanden.„ Sie blinzelte ins Himmelsblau empor. „Luft, ich brauche dringend Licht und Luft zum Durchatmen.“ Höhe, Tiefe, Höhe, Übelkeit, Fernsicht und dann taumelnd torkelnder Höhenrausch. „Wir sind frei! Kommen Sie alle schnell her und schauen Sie, wie herrlich es hier ist, man kann bis in die Wolken schauen und uns liegt die Erde zu Füßen. Ich kann fliegen, wir alle können fliegen, von hier weg und wieder nach Hause. Lasst uns an den Händen fassen und ein Team bilden, ein Luftgeschwader, wir werden es schaffen, ich habe den Willen, die Macht, denn ich bin der König der Welt&#8230;!“<br />
„Ey Blondi fuck, bist du lebensmüde oder was? Gehe sofort von dem Scheiß Abgrund weg!“<br />
„Auch Sie können es schaffen, besonders Sie, wir werden fliegen und man wird uns anerkennen. Wir werden Adler sein!“<br />
„Die Hölle führt uns in Versuchung, wir werden in sie hinabstürzen und verbrennen&#8230;!“<br />
„Blondi komme zurück, du Idiot!“ Jule zerrte Charlie in die Sicherheit des Felsvorsprungs zurück. Höhe, Tiefe, Höhe und dann gleißend blaue Unendlichkeit.<br />
„Ich fühle die Liebe und sie ruft nach mir.“</p>
<p>Die Zeit verging und die Sonne stieg höher und höher, die dürftigen Schatten verschwanden, die Luft flirrte und das Geröll sprach zu ihnen mit trockener Zunge, schwindelnd glatt und ohne Widerhall.<br />
„Ich kann nicht mehr, bin völlig am Ende, krieche gleich wieder in das Loch hinein, ist wenigstens kühl drin. Jawohl, das werden ich machen und zwar sofort, und macht euch mit euren fetten Ärschen nicht so breit, ist ja kaum noch auszuhalten hier!“<br />
„In diese irren Höhlen geht mir niemand mehr zurück, und das gilt auch für Sie mein Fräulein, besonders für Sie. Keine Extrawürste mehr für niemanden, wir bleiben alle hier oben, auch wenn es uns möglicherweise das Leben kosten wird.“<br />
„Die Schöpfung zu missachten ist eine Sünde, eine sehr Große sogar, denn nur Gott alleinig hat das Recht über unser Sein zu bestimmen, nur er und sonst niemand. ER über die Welt.“<br />
„Einmal Menschenschinderin, immer Menschenschinderin. Die Hacken abgerannt habe ich mir für das bisschen Kohle, die da bei diesem Scheißjob rübergesprungen ist. Und du irrer Kretin, halt endlich mal dein Maul und hast du nicht erst vorhin rumgenölt, dass wir eh tot und längst in der Hölle sind? Wir werden brennen, ja genau meine Kehle brennt und meine Zunge ist zur Dörrpflaume mutiert.“<br />
„Das Erdinnere birgt allerlei Schätze in sich, aber nur die, die reinen Herzens sind, können ihre wahre Pracht erkennen. Sie leuchten am Tage und halten uns in der Nacht warm und Sie, Sie wohnt im Himmel und hat ein zweites Haus tief unter der Erde wie der Nistplatz einer Katzenmutter. Wenn Sie schläft, sind ihre Lippen voll und rot wie Rosenwasser, und mit zarten Fingern streicht sie uns im Traum durchs Haar und haucht ihren warmen Atem ins Ohr und ihr Busen bebt dabei vor Anteilnahme. Sie kocht und putzt und sie heftet ihre Einkaufszettel immer an der Kühlschranktüre ab. Sie ist eine gute Frau und hat Milch in ihren Brüsten und Sie vergisst sich in der Nacht. Sie tanzt auf bunten Bällen und ruft fremden Kavalieren hinterher, Sie wäscht sich nicht und riecht nach moderigen Blüten und Blättern. Sie ist wie ich und ich kenne sie nicht, denn nur den aufrichtig Liebenden zeigt Sie ihre wahre Gestalt. Sie ist Mutter, hat ein Kind und ein verlorenes Herz. Das Herz ist kalt aber es schlägt noch, tief verborgen in seiner Höhle und ich muss es suchen gehen heute Nacht.“<br />
„Sie war herzlos und ist niemals nett zu mir gewesen, mit ihren strafenden Händen und fordernden Augen. Immer nur Pflichten hat es gegeben. &#8220;Marlies tue dies, tue das und unterlasse dieses bitte!&#8221; Ich hatte keinen Bruder, keine Schwester und ich schrie in der Nacht. Meine Rufe hallten durch die Korridore aber niemand hat sie gehört. Nur zu Mittag gab es reichlich, aber ich bin immer hungrig gewesen.“ Alleine gelassen, Erziehung, aufgewachsen, lebenslang, nie und zu keiner Zeit. Durchnässte Bettlaken mit zeitgemäßen Drucken darauf, wund gelegen, regungslos unter den Kreuzen an der Wand. „Ich hasse sie!“</p>
<p>Vogelschreie und etwas matschig Weiches klatschte auf das Felsplateau herab.<br />
„Bäh, was ist das für ein Dreck da?“ Die Eier waren handtellergroß, zerbrachen knackend und ihr Innenleben war blutig und roch nach noch ungeborenem Leben.<br />
„Wer will was abhaben&#8230;?“ Alle und niemand, sie tranken sie mit zugehaltenen Nasen, Knochensplitter in den Zahnzwischenräumen und Geflügelpelz auf der Zunge. Halb ausgebrütetes Nestgefüge, die Schnäbel schon im Werden begriffen, das Gebein noch zähflüssig und roh.</p>
<p>Die Sonne kroch hinter den Horizont, ein letztes orangerotes Leuchten noch und dann versank sie endgültig. Die Nacht kam und Winde zogen auf. Kühle Besucher und blass feine Dämonen, sie angelten nach der Kleidung, dem Haar und hoben sie/es weit empor.<br />
„Ich wünsche mir eine Hochzeit ganz in Weiß und mein Leib ist in wehende Schleier gehüllt und Blüten rieseln auf mich hinab, duften feine Rosen und Oleander, violett, rosa, zart, und sie sind überall, überall. Ich träume.“<br />
„Ich habe keine Träume mehr, denn sie sind schlecht und verführen nur zu verbotenen Dingen. Ich bin rein geblieben.“<br />
Die dreifachen Monde zeichneten sich am Himmel ab, aneinander geschmiegt wie Embryonen und dunkle Schwärme rauschten vorbei. Pelzige Leiber mit offenen Schlünden, Polarreigen, und auf ihren Schwingen spiegelte sich der Sternenglanz wider, sanft, silberhell, betörend, faulend und matt. Kehlige Schreie hallten in die Nacht hinaus.<br />
„Wir müssen zusammenhalten und ein Team bilden, denn nur so schaffen es wir diese erneuten Herausforderungen zu meistern.“ Der Wind frischte auf und wehte Moosfeuchte und Meeresduft herbei. Charlie umfasste ihre Knie. „Nur als kompetentes Team ist man in der Welt was wert, alleine kannst du es vergessen und das müssen auch, besonders Sie, noch lernen Jule. Keine Alleingänge von niemandem mehr.“ Wolkenberge, verdunkelten den Horizont, zogen näher und näher, grollten auf und hart begann dann der Regen auf das Felsplateau hinab zu prasseln.<br />
„Machen Sie Ihren Mund auf und fangen Sie alles auf was Sie kriegen können. Los, los Beeilung, das ist eine Fügung des Himmels und sie kommt so schnell nicht wieder!“<br />
„Wurde ja auch Zeit nach der tierischen Hitze hier, hätte mich schon fast an dieser Betschwester vergriffen, ist eh zu nichts zu gebrauchen.“<br />
Böen jagten durch die Wipfel wie sanft wispernde Tornados, Äste wurden emporgerissen und trieben Tannenzapfen vor sich her. Vögel verließen ihre Nester, setzen sich wieder und flatterten davon, brutwillig, mondmild und gehetzt.<br />
„Das ist das Ende der Welt, die Hölle kommt, die Feuer, die Schlangen und die schwarz gärende Pest.“<br />
Klatschende Flügelschläge in weiter Ferne, stetig dem Polarkreis und den flirrenden Aurora entgegen und hin, hin zum ewig eisdurchtränktem Meer.<br />
„Das Ende, das ist das Ende.“<br />
„Trinken Sie, bitte trinkt&#8230;!“</p>
<p>Stille und Nachtluft füllten ihre Lungenflügel aus, duftend moosfeucht und harzgetränkt klamm. Sie ging weiter, der Wald wurde lichter und lichter und wandelte sich dann in Grasland um. Mondheller Sternenhimmel über wogendem Halmenmeer und regennasser Ferne.<br />
„Eine Hochzeit steht bevor und ich kann sie schon in meiner Seele spüren, ihren Glanz, den Duft der Rosen und den hellen Zauber der Musik. Sie wird wundervoll sein!“ Ginstergebüsche neigten sich dem Winde zu, Ackerwinden und steil aufragende Königskerzen. Die Blütenkelche waren geöffnet, wie honigzarte Münder, sie flüsterten, sie sprachen und sie sangen lauthals. „Und ein Kind wird meinem Herzen entwachsen wie eine Blume dem fruchtbaren Erdboden. Es wird nach mir rufen und ich werde es finden. Seine Arme werden sich um mich schlingen und zaghaft zart die Finger nach mir greifen und dann erst der Mund. Der eine auf dem anderen und hauchend und bebend das Atemfleisch.” Eine Kreuzotter schlängelte sich vorbei und verschwand zischelnd in einem nahen Erdloch. Ein Falter surrte auf und flatterte gegen Aidas Stirne, pelzwarm, dunkel, glatt, sie schlug nach ihm. Rosenfeine und entströmende Süße. „Das Kind, die Liebe, das Herz, das Leben, ich muss mich beeilen und es erretten aus den Tiefen der Dunkelheit, der Einsamkeit und Pein.“<br />
Der Regen hatte nachgelassen und Nebel schwebten über der Wiese wie eine hinabgesickerte Wolkenbahn. Sie eilte weiter, der Boden wurde morastig, Sumpffeuchte wehte vor den nahenden Gewässern heran und die Luft war von den Lauten zahlreicher Froschkehlen erfüllt. „Gleich bin ich bei dir, mein allerliebster Schatz.“ Aidas Herz schlug ungehalten schnell.</p>
<p>Lichterhelle Girlanden überall, Leuchtkäfer, ihre Hinterleiber waren weit emporgehoben und lockten sie heran, zeigten ihr den Weg durch das Gras, das Schilf und die Nacht. Zu einem Weidenbaum an den Ufern eines Teiches und inmitten eines üppigen Farnwaldes. Feenodeur entschwebte seinen Blättern wie der Hauch von Engelsflügeln, zirpend helle Harfenmelodien, himmelsgleich und zart ertönend.<br />
„Du bist in fremde Obhut gegeben worden, so frisch geboren und hilflos, wie du warst. Aber harre aus, gleich bin ich bei dir, denn schon kann ich deine Stimme hören, fiebrig heiß und sehnend. Und auch das stete Pochen deines Herzens, wie es gegen deine Brust und das Wandgefüge schlägt, hart, hart und kalt.“ Aida tastete sich voran und tauchte dann in die Blätterkaskaden ein. „Mein Schatz.“ Sie streckte eine Hand aus und berührten Flaum und Fleisch. „Jetzt bin da und ich werde dich bergen und an meinen Busen pressen, und dich dort dann mit meiner warm sprudelnden Milch nähren.“ Liebessehnen, zittern, zitternd, herzensnah.</p>
<p>Helle Schreie, windig wogende Verwirbelungen und Vogelklauen, die jäh auf sie hinab schossen. Vaterliebe, Mutterglück, der Nistplatz war tief im Stamm verborgen und von einer Kükenschar bewohnt, die Schnäbel weit aufgerissen und stetig hungrig. Alleine, allein und zu schwach, das Kuckuckskind ohne Mutter und zwischen den Fremden gefangen, keine Liebe und keinen Lebenswillen mehr, leblos bis in das Innerstes hinein. Das Herz, die Liebe, das Kind, das Sein, die Arterien pochend matt und die Oberfläche nur noch erkaltetes Fleisch. Aida barg es mit einem rückwärtigen Fall.</p>
<p>Tief in den Farnwald eingesunken, unter den Schachtelhalmen und dem nass wogenden Sporendach geborgen. Das Herz lag auf Aidas Brust, ihr Atem wurde schwerer und schwer und ihr Mund öffnete sich.<br />
„Ich liebe dich, mein mir noch unbekannter Schatz, ich beschütze dich und ich werde dir wieder neues Leben geben. Erwache und komme zu dir, ich bitte dich, flehe dich an, mir, dir, uns zuliebe“ Ihre Lippen glitten über das erkaltete Aderngeflecht, liebkosten es mit sanftem Druck und küsste es heiß und innig. Prickelndes Erwachen, die Gefäße knackten auf wie Aststücke, das Gewebe zuckte und pulsten spasmisch und die Kapillaren begannen sich mit wirbelnden Flüssigkeiten anzufüllen. Wieder warm durchblutete Aorta und nächtliche Herzensglut. Sie sprach.<br />
„Prinz und Prinzessin, Braut und Bräutigam, Gattin und Gemahl, jetzt bin ich hier, bei dir in deinen/meinen Armen gefangen und du bist wollüstig, waghalsig, wage, scheu, entfernt, zugegen. Ich bin deine Herrin und dein Herr, deine Dienerin und deine Bedienstete, Gefährtin bei Tage und auch zu Nacht, stetig, denn das Sonnenlicht wird von ewiger Dunkelheit vertrieben werden, die Dunkelheit wird fortwährendem Licht weichen und die Sterne versinken, um erneut wieder aufzuerstehen, schimmernd, wogend und hell glänzend. Zeitenwende, Alles und Nichts, der Anfang und das Ende, Mutterglück, Liebessehnen, Sehnsucht und Leidenschaft, verworren, verwoben, glanzvoll eins. ICH BIN.“ Aida schloss die Augen und Tausende von Sternen senkten sich hinab, warm, kalt sich erwärmend, himmelsnah. Tages- und Nachtgleiche, die Gewässer glommen wie dunkel erloschene Perldiamanten und Nebelschwaden dampften aus ihnen empor, sie verweilten und versickerten wieder, leicht und schwer. Spiegelungen des Nachtlichts, ein Baum, ein Stamm oder ein Turm und sein Gestein glänzte schwarz matt poliert wie eine todesgleiche Fata Morgana.</p>
<p>Samtige Himmelsröte und eine Bewegung im Geäst. Das Käuzchenpaar kehrte mit einer Haselmaus in den Fängen zu seinem Nest zurück. Willige Beute für die stets hungrige Kükenschar, lautlos leise erspäht, anvisiert und dann hinab gestürzt. Sie verschwanden im Bauminneren und ihre Rufe verhallten in der feucht klammen Morgenluft. Der Tag brach an.</p>
<p>„Ich werde sein.“</p>
<p><span style="color:#008000;"><br />
</span></p>
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	</item>
		<item>
		<title>Kapitel 4: Unterirdisch – Eber auf Sau, Höhlengänge, Fledermäuse, stumme Kathedralenhallen und Hinaus.</title>
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		<pubDate>Mon, 20 Jun 2011 10:40:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claudia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Herzensfleisch]]></category>

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		<description><![CDATA[Hinter ihr her, raschelndes Blättergewirr und knackendes Geäst, weiter, weiter durch das Unterholz und über Erdhügel hinweg, schneller, schnell und dann hinaus. Bebendes Flankenfell und weit aufgerissene Opalaugen. „Was ist das?“ Charlie schreckte empor. Ein zweites Tier brach aus dem &#8230; <a href="http://herzensfleisch.wordpress.com/2011/06/20/kapitel-4-unterirdisch-%e2%80%93-eber-auf-sau-hohlengange-fledermause-stumme-kathedralenhallen-und-hinaus/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=herzensfleisch.wordpress.com&amp;blog=4041504&amp;post=213&amp;subd=herzensfleisch&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/06/hc3b6hle6.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-227" title="höhle6" src="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/06/hc3b6hle6.jpg?w=640&#038;h=225" alt="" width="640" height="225" /></a></p>
<p>Hinter ihr her, raschelndes Blättergewirr und knackendes Geäst, weiter, weiter durch das Unterholz und über Erdhügel hinweg, schneller, schnell und dann hinaus. Bebendes Flankenfell und weit aufgerissene Opalaugen.<br />
„Was ist das?“ Charlie schreckte empor. Ein zweites Tier brach aus dem Gebüsch hervor und keuchend blieb es stehen. Muskelrecken mit weit gespreizten Hinterläufen, Manneskraft im Morgennebel.<br />
„Verdammt wachen Sie auf. Los, los, hoch, wir müssen weg von hier&#8230;!“<br />
Er kam näher, sie floh, er rückte heran, sie lockte ihn auf der Flucht. Er folgte ihr mit gebleckten Hauern, hinweg, herbei und dann ein Zusammentreffen zwischen Felsenwand und gurgelnder Milchtiefe. Aug in Aug von Eber und Sau, geflämte Rüssel und hoch geschwollenes Geschlecht. Seine Klauen angelten nach ihrem Fleisch, sie schlug nach ihm, er röhrte auf, sie winselte in höchsten Tonlagen, sie schüttelte ihn ab und ließ ihn zu. Hinauf, hinein, Geschlechtermelange und Artenritual, ihr Körper zitterte unter seiner Last und Paarungsrufe hallten unter der Morgensonne wider.</p>
<p>„Blondi bist du irre? Mach mal langsamer, krieg hier sonst den ganzen Naturkram ins Gesicht gepfeffert.“<br />
„Kommen Sie schneller, oder wollen Sie etwa zwischen die Fronten dieser beiden Bestien geraten?“<br />
„Ja nee, klar nicht. Aber was ist mit Mutti und dieser Dürren, sollten wir denen nicht wenigsten Bescheid sagen?“<br />
„Später, und jetzt Beeilung.“<br />
„Aber ich meine, wo haben die heute Nacht eigentlich geschlafen?“<br />
„Irgendwo neben dem Tümpel. Aber machen Sie sich keine Gedanken um die, werden schon zurechtkommen. Und hier muss es doch irgendwo eine Stelle geben, wo mehr zu sehen ist, könnten dann dort in Ruhe abwarten, bis die beiden Hübschen da ihr morgendliches têt a têt beendet haben.“ Gestrüpp, Gesträuch, rutschende Felswände und wild wogende Farngehänge, hell, dunkel, hell, immer um den Quelltopf herum, zum laut brausenden Aufwärtsfall und wieder zurück.<br />
„Passen Sie auf, jetzt wird es glatt. Halten Sie meine Hand fest!“ Hell, dunkel und unter ihren Füßen brachen die Erdschichten ein, marode feucht getränkt bis in ihre wasserreichsten Tiefen. Sie stürzten ein.</p>
<p>In der Erdentiefe und noch nicht auf dem Grund angekommen.<br />
„Das ist alles deine Schuld. Aus diesem Loch werden wir nie wieder rauskommen, hier bis in alle Ewigkeiten festsitzen, verdursten, verhungern, oder von fiesen Monsterkäfern aufgefressen werden.“ Stille, Stille und Atemlosigkeit.<br />
„Hiiilfe, hier sind wir, hier unten. Hört uns denn niemand!“ Jule grub ihre Nägel in das Lehmgestein, zu glatt und zu hoch. „Das war echt scheiße von dir Blondi, so richtig, richtig scheiße.“ Auf Atemlänge an Charlies Gesicht heran. „Und man Cheffin, was ist da bloß in dich gefahren, dass du in aller Herrgottsfrühe schon so einen Stress veranstalten musstest. Uns wie eine Irre durch den halben Wald jagen und das nur wegen eines notgeilen Schweins und seiner ollen Braut.“ Schweißperlen und ein Hauch von vergorener Pfefferminze.<br />
„Wir werden hier wieder rauskommen, das verspreche ich Ihnen, und wenn nicht aus eigener Kraft, dann durch Frau von Herrn Klinikleiter Sowieso. Ja, sie wird uns vermissen und sich auf die Suche begeben und sie wird uns finden, daran glaube ich ganz fest, denn sie kann Verantwortung übernehmen als Ehefrau und mehrfache Mutter.“<br />
Das Himmelslicht weit oben &#8211; eben noch leuchtend grün und morgendlich klar &#8211; es glitt höher und höher und wurde dann gleißend.<br />
„Die kommt nicht mehr, nee, das kannst du dir echt abschminken. Und wenn ja, wie soll die uns denn hier raus bekommen? Etwa eine Liane runterlassen und uns mit ihren Lady-schwachen Ärmchen damit raufziehen? Nee Blondi, sehe es endlich ein, wir sitzen hier fest und das war es dann. Vergiss es!“ Seit Ewigkeiten in dieser heiser geschrienen Stille gefangen. Fliegenschwärme schwirrten über der Bodenöffnung wie verirrte Sommerschemen, säuselnde Winde, fernes Vogelgezwitscher und dann und wann ein Falter, der sich laut brummend bis in die Erdentiefe hinein verirrte.</p>
<p>„Da seid ihr ja. Dem Himmel sei Dank, dass wir euch endlich gefunden haben.“ Aida beugte sich über die Einsturzstelle. „Dachten schon, dass ihr ertrunken oder gar von wilden Tieren aufgefressen worden seid. Den ganzen Morgen haben wir nach euch gesucht, Marlies und ich. Hinter jeden Busch haben wir geschaut, in jede Felsspalte und selbst die Steine haben wir nach euch umgedreht. Und nichts, wie vom Erdboden verschluckt seid ihr gewesen.“ Sie beugte sich tiefer. „Aber wie seid ihr überhaupt in dieses Loch gekommen, haben euch etwa die Waldgeister mit ihren langen Feenfingern und mit ihren Gesängen, denen niemand widerstehen kann, da hineingelockt? Ja so wird es gewesen sein. Doch keine Angst, wir werden euch da rausholen. Aber nur wie, es ist doch so schrecklich dunkel da unten&#8230;“ Sie streckte ihre Hand nach Marlies aus. „Komm, vielleicht können wir sie gemeinsam besser erreichen.“ Atemlos und mit heiß geröteten Wangen. „Halte mich bitte ganz fest.“ Eine Pause ohne Widerschein und Sonnenreflexionen auf stumpf mattem Haar. Sie brachen ein.</p>
<p>Unterirdisch und kein Halten mehr, der Grund fiel in sich zusammen wie ein brüchig gewordenes Kartenhaus und etagenweise stürzten sie hinab, polternd, schreiend und durch die Erdschichten hindurch. Brausende Lüfte, sandiges Nichts, ihre Münder füllten sich mit Gewürm und frisch gemodertem Wurzelgeflecht an, tiefer, weiter und hinab.<br />
Sie landeten, übereinander und dicht gedrängt.<br />
Sie ertasteten die erste Bodenfläche, faulig nach vergangenem Gebein riechend, die Dunkelheit war allumfassend und reichte bis in ihre Hirnwindungen hinein.<br />
„Sind Sie alle noch da und haben wir niemanden verloren? So sagen Sie doch irgendetwas!“<br />
„Runter, alle runter. Verdammt, habe ja eure Ellenbogen bis in meinen Magen reingebohrt!“<br />
„Wir sind im Höllenreich gelandet, ich rieche seine Ausgeburten und spüre ihre Teufelshaut sich an meiner reiben. Wir werden hier verbrennen, ersticken und auch elendig ertrinken.“<br />
Und das Licht kam wieder, glomm sanft aus dem Quarzgestein hervor und tanzte oszillierend in der Deckenwölbung.<br />
„Der Boden hat uns nicht tragen können, war wohl zu viel Feuchtigkeit da oben so nahe dem Bach, aber vielleicht gibt es eine Möglichkeit wieder hinaufzuklettern? Wir können es ja wenigstens versuchen.“ Und die Luft begann zu zirpen wie das purpurn lichte Werben von Zikaden.<br />
„Nichts mit raufklettern, bei dir ist das Hirn wohl mit dem Sturz auch gleich mit abhandengekommen. Fuck, fuck Blondi und auch du, du tollpatschiges Muttertier mit deiner Irren aus dem pervers sprudelnden Tittensee. Hier kommen wir niemals wieder raus, das ist das Ende und das ist alles nur eure Schuld!“<br />
<em><br />
Tief unter der Erdoberfläche und weit unter dem Mondwald verborgen. Der Einsturzschacht über ihren Köpfen gähnte dunkel, das Sonnenlicht versickerte nach wenigen Metern, lehmig glatt und sandig hinabrieselnd.</em></p>
<p>Eine erneute Wanderung.<br />
„In welche Richtung sollen wir jetzt, nach rechts oder nach links? Da drüben, das könnte es sein, da geht es etwas nach oben, oder was meint ihr?“<br />
„Das Schicksal hat uns hier hergeholt und das Schicksal wird uns auch wieder befreien. Du musst nur fest genug daran glauben Charlie, und dann können wir sicher wieder bald den Himmel und die Bäume sehen. Da bin ich mir ganz sicher!“<br />
„Gott und der Himmel sind tot, die Erde hat sich aufgetan, große Feuer werden kommen und wir werden bis zum ewigen Jüngsten Tage bei lebendigem Leibe in ihnen brennen!“<br />
„Wenn du nicht sofort deinen blödes Maul hältst, brennt hier gleich was ganz anderes!“<br />
„Lassen Sie Sie in Ruhe Jule, und versuchen Sie auch künftig bitte alle unnötigen Eskalationen möglichst zu vermeiden. Und ja dort drüben scheint der richtige Weg zu sein.“ Wie ein mäanderförmiger Flusslauf wand der Höhlengang sich durch das Erdreich, Lehmmoos, Lichterreigen und glimmende Opale tanzten an den Wänden, ließen die Herzen aufpochen und die Sinne verwirrt zurück. Schritt für Schritt und hintereinander her. Keuchende Stille, immer weiter und weiter und dann hing plötzlich ein süßlich gurgelnder Geruch in der Luft.<br />
„Dort drüben ist Wasser, wir sind gerettet!“ Charlie rannte voran beugte sich hinab. „Wir müssen ihm nur folgten und dann wird uns es wieder hinausführen.“ Und angelte nach einem Stück Treibholz, das gurgelnd an ihr vorbeizog.<em><br />
Der Milchfluss, </em>unterirdisch versickert trat er alsbald wieder empor, floss dann über den Wald, die Wiesen und Auen herbei und bis zum Rand der allbekannten Welt. Nahrhafter Quell und nährender Ursprung, im fernen Meere entstanden, aus seinen tiefsten Tiefen emporgeströmt und rückwärts gewandt wie ein verstopfter Geburtskanal. Sie hassten ihn und er ernährte sie.<br />
„Wir dürfen das nicht trinken, denn dann werden Gifte unsere Gedärme zerfressen und uns unreine Bilder sehen lassen.“<br />
„Gebe Ruhe du Irre und geh weiter.“<br />
„Junge Frau, auch du darfst deine Füße da nicht reintauchen, sie werden dir sonst verfaulen wie die sündigen Leiber von Babylon. Nackt und mit geschorenem Haupt und von aller Welt verlassen mussten sie dann dem Herrn gegenübertreten. Und er hat dann über sie gerichtet wie ein Herrscher über sein abtrünnig gewordenes Volk und stets grausam und gerecht ist er gewesen, der Allmächtige und immer Allgegenwärtige!“<br />
„Noch ein Wort du Vollkretin und ich vergesse mich!“<br />
„Hören Sie auf ständig Streit zu suchen, das ist sinnlos und führt uns nicht weiter.“</p>
<p>Tag und Nachtgleiche, die Zeit verging, Schritt für Schritt und immer weiter durch das Höhlengewölbe hindurch und dem gurgelnden Milchgewässer hinterher.<br />
„Was hat das alles für einen Sinn, warum sind wir hier und wer hat uns in diese Welt hinein hergeholt und warum? Und ist dies alles überhaupt eine Welt oder nur ein fürchterlicher gemeinsamer Albtraum. Wir kennen uns nicht und du bist schuld, nein du, nein du!“<br />
„Es gibt keinen Sinn, keine Schuld und alles ist im Fluss. Ein lebendig gewordenes Märchen ist das und wir werden die Prinzessinnen sein und ein Kind wird erwartet, mit Pfirsichhaut und seidenglatt fließendem Haar.“<br />
„Will endlich aus dieser verfickten Geisterbahn raus. Ist ja kaum noch auszuhalten hier und eure debilen Fressen kann ich eh längst nicht mehr sehen!“<br />
„Durchhalten, wir müssen einfach nur durchhalten&#8230;“<em><br />
</em>Sie schwiegen und sie schrien sich an, und nur hinter den Rücken der anderen wagten sie sich an den weißen Lebenssaft heran und saugten dann mit prallen Lippen an seinen Zitzenenden. Strömende Verwirbelungen, fettreich süße Verlockungen, der Michfluss, sie hassten ihn und er ernährte sie. Molche bewohnten seine Tiefen und Fische sprangen empor wie schillernd weiße Albinorochen. Aidas Herz öffnete sich und pochte blutig bebend. Marlies spuckte wie ein nie genährter Säugling, sie alterte zahnlos um Jahre in Sekunden, auf den Boden zusammen gekrümmt und hungrig satt hungrig.<br />
„Ich kann nicht mehr, bin völlig fertig. Ey Blondi, lass uns doch bitte mal eine Pause machen.“<br />
„Wir müssen weiter, immer nur weiter, denn bald werden wir es geschafft haben, nur noch um die nächste Biegung und dann sind wir ganz sicher wieder draußen.“<br />
Sie liefen weiter und schliefen in Sandmulden oder hinter hoch aufragenden Stalagmiten. Fern aneinander geschmiegt zog die Wandfeuchte bis in ihre innersten Knochengänge und wärmte sie auf eigentümliche Weise, herzenstief, abgründig und flammend.</p>
<p>Erneutes Erwachen an einem sonnenfernen Morgentag.<br />
Bebend noch im Traum gefangen und im Schlafe bewohnt worden, von vielen, vielen, vielen. Sie schrie. „Monster, Ungeheuer, weg von mir!“ Fledermausscharen waren aus der Dunkelheit hinab gekommen, krallte sich an der Kleidung fest und behausten das Haar. „Verdammt, so helft mir doch!“ Charlie schlug mit klammen Handflächen um sich und traf auf glatt bekralltes Fleisch. Pelzgierig und viel zu nah.<br />
Erschöpft und noch nicht zu sich gekommen. Aida lag am Rande des Milchflusses, noch atemlos und im Schlummer versunken. Sie sprach. „Komm zu mir und mit mir mein Schatz, ich flöße dir Honigwasser ein und behauche dich mit meinem Rosenodem, süß, betörend und mild. Ich gebe dir auch Speise und Trank aus meinen Brüsten, und dein Leib wird dann blutwarm und wesensnah erfüllt werden. Ich locke dich und verlange nach dir, ich verspreche dir alles und auch nichts, dir und mir und dir. Ich werde die Deine sein und du wirst mich nicht mehr missen wollen in deiner Welt.“ Sie wälzte sich umher, ihr Gedärm pochte ungehalten und stülpte sich nach auswärts und etwas wuchs in ihm, ein Geschwür oder auch ein Kind in späten Jahren. „Ich warte auf dich und erwarte dich.“ Jäh zuckte sie zusammen, wälzte sich herum und ihre Füße glitten in das Milchnass hinein, tiefer und tiefer und schmerzhaft drängte es dann aus ihr hinaus. Kaltfeucht mit blau gefrorenen Lippen und eingefallenem Körperchen. Und sie, sie hatte es verloren, es war ihr aus den Händen geglitten wie ein Stück Reispapier im Wind der Zeit, das Kind, das Herz, das Sein. Sie schrie „Mein Mann hat aber gesagt&#8230;!“</p>
<p>Neben ihr stöhnte Marlies. „Man muss mich verwechselt haben, anders kann das alles hier nicht sein. Ich habe keine Sünde begangen, niemals, habe immer redlich gelebt und meine Mutter hat mich auch gelehrt die Hände in der Nacht stets über der Bettdecke zu halten.“ Und auch jetzt waren sie fest an ihren Brustkorb gepresst, betstarr und weiß.</p>
<p>„Halte durch ich komme, hab sie jetzt fast. Verdammt!“ Jule schlug nach pelzigen Leibern und berührte verschwitztes Fleisch. „Weg mit euch, weg, weg.“ Der Schwarm stobte auseinander, flatterte empor und Flügelschläge hallten im Gewölbe wider wie aufklatschende Choräle.<br />
„Los alle raus hier! Schnell da rüber, nein dort hin, oder besser doch da!“<br />
„Bitte nicht so schnell und mein Herz, es tut so weh&#8230;.“<br />
Noch schlaftrunken flüchteten sie aus der Fledermaushöhle, hasteten durch die Gänge und Fluchten und erreichten dann andere Gefilde, hell dunkel und dunkelhell.<br />
„Wo ist der Fluss? Verdammt wir haben ihn aus den Augen verloren, er war doch unsere einziger Anhaltspunkt hier gewesen und ohne ihn finden wir hier nie wieder hinaus.“</p>
<p>Die Kathedralenhallen öffneten sich mit himmelhohen Pforten, Lehmglätte bis in alle Ewigkeiten und Wände wie gigantische Kirchenschiffe. Lockend, lockend und ohne Wiederkehr. Mittel-Seiten-Chorgestühl, korinthische Säulen und Wandreliquien mit weit geöffneten Mündern und Rachenräumen, sie lächelten zu ihnen hinab, ziseliert steinern und mimiklos glatt.<br />
„Mein Mann hat gesagt, dass ich Kinder liebe und ich ihnen immer eine gute Mutter gewesen sei. Die ganzen langen Jahre auf dieser Welt, ihnen und ihm.“ Aidas Hände gruben sich in Lehmgestein und in Marlies Oberarm. Schwindel, Taumel und ein erneuter Sinnesrausch. Sie träumte. „Der Termin war nicht vorhersehbar, das Haus geschmückt aber zu weit weg, doch das Lamm war köstlich und in Thymianmarinade getränkt, die so grün wie das Paradies war. Es waren alle da gewesen, meine Schwester, seine Brüder, Neffen und Cousins, Geschäftspartner. Sie vergnügten sich mit Verpflichtung und Verantwortungsgefühl, Familiensinn, Sinn, Sinn, keiner, viel zu viele Menschen waren da gewesen und wer sollte sich dann um den ganzen Abwasch kümmern, danach? Aber ich liebe ihn doch, so wie er ist. Ja, das tue ich!“ Aidas Augenlicht wurde purpurn und die Luft begann faulig matt zu flirren an. „Und dann die Kinderschar, die in ihr stetig wächst. Viele, viel zu viele drängeln sich aus diesem fruchtbaren Leib, sie quellen hervor wie Trauben aus der Einkaufstüte, eines wie das andere, das andere wie das eine und aus tiefster Dunkelheit ans Licht empor. Nacht für Nacht und auch am Tage werden sie gemacht. &#8220;Schatz nun sei doch nicht so, bitte, ich habe doch so eine anstrengende Woche gehabt! Ich flehe dich an und ich befehle es dir. Du gehörst mir.&#8221; Und sie, sie ist doch dort oben gefangen und ruft nach mir mit bleichen Wangen und Lippen, die sich nur nach Küssen sehnen.“ Käfer begannen auf Aida hinab zu rieseln wie knisternder Brautregen, helle Chitinpanzer und zart flirrende Flügelhaut. Entleerte Leiberhüllen, sie waren tot und sie stanken.</p>
<p>„Wir sind im Verderb gelandet und meine Hände faulen schon, dabei habe ich sie doch stets über der Bettdecke gehalten wie Mama es mir immer befohlen hat. Und fassen Sie mich nicht so an, denn das ist äußerst unanständig, hören Sie!“</p>
<p>„Sie ist alleine, ohne mich und ihr Schoß wird von einem Fremden bewohnt, von seinen Organen, die sehr groß und mächtig sind. Und sie spricht zu mir in einer fremden Sprache und mit schwerer Zunge, doch ich kann sie rufen fühlen und in meinem Herz drinnen ist sie schon ganz laut. &#8211; Schatz wann kommst du heute Abend nach Hause, du weißt doch, ich vermisse dich doch so sehr.“</p>
<p>„Was ist das für eine perverse Geisterbahn hier und hört auf so wirres Zeug zu reden? Alle beide, ich kriege sonst echt den Horror drauf. Wirklich hört auf!“<br />
„Los Jule, schnappen Sie sich eine und nichts wie raus hier. Aber schnell, denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren&#8230;!“<br />
Sie entkamen und hasteten erneut durch die Labyrinthgänge. Sangesgilden schrien ihnen mit geschlossenen Mündern nach und Oratoriengesänge erschallten, lärmend lautlos, lautlos lärmend und bis zum Erdengrund empor.<br />
„Wo ist der Fluss, ich sehe ihn nicht mehr. Doch ich sehe ihn, ja, nein, dort hinauf, da wird es heller.“ Hauchende Leere und in Raserei erstarrte Fülle, ein Geruch nach Rosenmyrrhe und lehmbleiches Schimmern und dann ein Sonnenblitzen in weiter Ferne. Sie kletterten den Pfad empor, weiter, weiter, höher, keuchend und HINAUS.</p>
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	</item>
		<item>
		<title>Kapitel 3: Wanderung – eine Quelle aus Milch, emporgetrieben, Schemen der Nacht und Morgennebel.</title>
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		<pubDate>Fri, 20 May 2011 19:06:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claudia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Herzensfleisch]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Mittag kam und breitete seine Schwingen träge über die Landschaft aus, wolkenlose Ferne und leuchtend helles Himmelsblau, hitzegetränkt und matt. Wieder tief im Waldschatten verborgen, weiter immer weiter, Heidelbeeren am Wegesrand, Süßklee und dann bitter auf der Zunge brennende &#8230; <a href="http://herzensfleisch.wordpress.com/2011/05/20/kapitel-3-wanderung-%e2%80%93-eine-quelle-aus-milch-emporgetrieben-schemen-der-nacht-und-morgennebel/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=herzensfleisch.wordpress.com&amp;blog=4041504&amp;post=189&amp;subd=herzensfleisch&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
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<p><em>Der Mittag kam und breitete seine Schwingen träge über die Landschaft aus, wolkenlose Ferne und leuchtend helles Himmelsblau, hitzegetränkt und matt.</em></p>
<p>Wieder tief im Waldschatten verborgen, weiter immer weiter, Heidelbeeren am Wegesrand, Süßklee und dann bitter auf der Zunge brennende Schwämme.<br />
„Bitte Jule, so stecken Sie doch nicht alles in den Mund, was Ihnen hier so entgegen kommt. Sie wissen doch gar nicht, ob es schädlich ist oder gar tödlich enden kann.“<br />
„Wir sind schon im Nirvana Chefin und ich habe Kohldampf, hätten einfach auf der Lichtung bleiben sollen da war es doch ganz schnuckelig. Aber nein, Sie mussten ja unbedingt in diesen geistesgestörten Park zurück und latschen, latschen, latschen. Aber Sie sind die Chefin und wissen was zu tun ist. Alles klar!“ Wütend trat Jule gegen einen Baumstamm und Rindenmoos wirbelte ihr entgegen wie faulig schwirrendes Insekt. „Ist ja kaum noch auszuhalten diese Botanik, alles kreucht und fleucht und außerdem habe ich einen Mörderdurst. Hm, irgendwo muss es hier doch für das ganze Reh und Hasenvolk so was wie einen Wasserspender geben.“<br />
„Jetzt reißen Sie sich bitte mal zusammen, wir werden sicher bald Wasser und auch den Ausgang aus diesem Wald finden!“<br />
„Dieser Wald hat keinen Ausgang, er ist nur dunkel und endlos&#8230;.“ Keuchend blieb Aida stehen. „Und etwas wohnt in ihm, ich spüre es und ich habe es auch in meinen Träumen gesehen und waren schlechte Träume gewesen, sehr Schlechte sogar.“ Ihre Augen weiteten sich. „Und Sie sind nicht alleine, sie sind viele und sie machten schlimme Dinge miteinander. Dinge, die nur nachts geschehen und über die man nicht sprechen darf und das machen sie auch mit ihren Kindern, sie sind nicht gut zu ihnen und sie sind von Geburt an auch nicht gut. Und sie haben mir mein Engelchen genommen, dabei habe ich ihm doch versprochen es niemals zu verlassen, immer bei ihm zu bleiben, wie eine echte Mutter.“ Bebende Brüste und pochende Herzenswände. „Keine Mutter, schlimme Dinge und so schrecklich alleine.“ Dann sank sie in sich zusammen, atemlos und verstummt.<br />
„Was ist da hinten los?“ Brüsk drehte Charlie sich herum. „Ich bitte euch jetzt nicht alle durchzudrehen, wir müssen Ruhe bewahren, auch wenn die Situation etwas verfahren ist, so ist sie nicht gänzlich hoffnungslos denn immerhin leben wir noch! Also los, los, weiter geht es. Und wir müssen zusammenhalten und ein starkes Team bilden, es wird eine Lösung geben, da bin ich mir ganz sicher. Es gibt immer eine, man muss sich nur darum bemühen sie zu finden.“ Voran, voran und hinterher. „Nicht so trödeln und erst recht nicht stehen bleiben.“ Charlie, Chefin und kompetente Vorgesetzte, ihre Füße klirrten wie ein präzises Räderwerk doch das Blondhaar war bereits von den ersten Fledermausnestern bewohnt.</p>
<p>„Halt stopp ich hör was. Da hinter dem Gestrüpp da.“ Jule brach durch Tannen und wirres Wachholdergewächs. „Hey Leute alle mir nach, glaube hier ist was Flüssiges in Aussicht. Miam, miam und gluck, endlich was zum hinter die Kiemen gießen, wurde ja auch langsam Zeit!“ Gurgelnde Quelle im farngrünen Dämmerlicht, gierig tauchte sie ihr Gesicht in das Nass hinab &#8211; zuckersüße MILCHTRÜBE – Jule Aufschrei schallte bis in die Baumwipfel empor.<br />
„Ich würde gerne wissen, warum Sie plötzlich in eine andere Richtung rennen und dann noch so einen kindischen Lärm veranstalten? Das ist ja nicht zu fassen, wie oft habe ich es schon wiederholt, dass wir hier unbedingt zusammenbleiben müssen und keine Extratouren veranstalten.“<br />
„Da unten da, diese eklige Brühe hat mich fast gekillt!“<br />
„Was für eine Brühe, Sie meinen das Wasser hier?“<br />
„Von wegen Wasser, das ist eine ausgelaufene Milchtüte, ne Säuglingsstation, komplett abartig. Probier mal selbst, dann wirst du schon sehen, was ich meine&#8230;“<br />
„Sieht ein wenig schlammig aus.“<br />
„Los sei kein Feigling und probier einfach.“<br />
„Probieren&#8230;?“<br />
„Ja!“<br />
Ehrenkodex und faire Team- Playerin, Charlie beugte sich hinab und tauchte dann zögerlich einen Finger in die Flüssigkeit. „Hm, Sie haben recht, schmeckt irgendwie seltsam, vielleicht sind das die gelösten Mineralsalze oder auch Kalk.“<br />
„Nee, nee, nichts von beidem, das ist lupenreine Milch und direkt aus dem Busen der Natur geflossen. Tittensaft, den erkenne ich auch ohne hinzusehen. Ekelig!“<br />
„Ich habe meine Babys auch immer lange an der Brust gehabt, meine Mutter meinte es wäre gut für die Entwicklung und für mich. Aber dann sind sie immer ganz wund geworden wie bei Nana, bei zwölf Welpen aber auch kein Wunder, die Arme, habe ihr dann immer Salbe draufgetan und mit dem Fläschchen zugefüttert. Mein Mann hat das für unnötig gehalten, lass nur die Kräftigsten durchkommen so wie von der Natur vorgesehen, hat er gesagt, aber die Kleinen, sie waren so entzückend gewesen und jedes schon so eine eigene Persönlichkeit. Ja, die hatten sie.“<br />
„Alles klar Mutti, eine Persönlichkeit, und zu dir Chefin sage ich doch, purer Tittensaft und mit dem stimmt auch sonst irgendetwas nicht.“<br />
„Hier stimmt so einiges nicht, dennoch sollten wir uns nicht allzu lange mit wilden Fantastereien aufhalten. Und aus was auch immer dieses Wasser besteht, es kann uns eine Hilfe sein, denn wo eine Quelle existiert, wird es auch eine Mündung geben und dort werden wir den Ausgang aus diesem Wald finden. Jawohl da bin ich mir ganz sicher.“ Charlie stand auf und lehnte sich an einen Kiefernstamm zurück. Ganz sicher. Tick tack, tack tick, ein Käuzchenruf in weiter Höhe und Sommerwinde rauschten auf und wehten den Duft von frischem Wildschweinkot herbei.</p>
<p>Hinein statt hinaus, die Quelle versickerte durch einen schmalen Spalt zwischen zwei Felsbrocken bis tief in das Erdinnere und den Ursprungsort zurück. Verkehrt herum floss sie dann über den moosigen Waldboden, von einem dünnen Rinnsaal sich rasch zu einem Bach verbreiternd. Sie folgten seinem Lauf.<br />
„Bitte dicht hintereinander bleiben, wir dürfen uns auf keinen Fall verlieren.“ Stolperten über Wurzeln und rutschte auf nassen Blättern aus.<br />
„Ich habe mein Schätzchen verloren, habe nicht aufgepasst und es aus meinen Armen und Herzen fallen lassen. Ich bin ihm eine schlechte Mutter gewesen!“ in Aidas Kleidersaum sammelten sich unzählige Schätze an, kleine Steinchen, Blätter, Blüten und eine verirrt fiepende Haselmaus.<br />
Rückwärtige Kaskade, sie erreichten das Ende einer Anhöhe und schäumend schwang das Milchgewässer sich empor, und daneben dann Felsglätte und Gesträuch, das sich fest in den abschüssigen Boden gekrallt hielt.<br />
„Irre, echt irre &#8230;“<br />
„Halt alle stopp, hier wird es gefährlich und das gilt auch für Sie, mein Fräulein.“<br />
„Und wow, geht ja ganz schön ab das Zeugs, ein echt toller Milchshake, den müsst ihr euch unbedingt anschauen!“<br />
„Wir müssen rein gar nichts. Und Sie gehen sofort von dem Abhang zurück, erstens ist es gefährlich und zweites reichen mir Ihre ständigen Alleingänge langsam, denn ich bin Ihre Vorgesetzte und werde es hier auch weiterhin bleiben. Haben wir uns da richtig verstanden?“<br />
„Nee alles klar Blondi, äh ich meine natürlich Chefin. Ich Nigger, du Master, du schlau, ich dumm.“</p>
<p>Der Abstieg.<br />
„Um diesem Wasser weiter zu folgen, müssen wir da runter, sehe keine andere Möglichkeit überall gleich steil hier. Aber alle bitte ganz vorsichtig und Sie, Sie kümmern sich um die Dame hier, damit sie uns nicht ausrutscht.“<br />
„Bitte nicht so schnell, meine Beine tun weh und mein Herz klopft ganz laut und ist so wund.“<br />
„Dann bleib doch stehen Mutti und mache es dir hier oben bequem. Hältst mit deinem Gejammer eh nur den ganzen Betrieb auf.“<br />
„Nein das wird sie nicht tun, denn Sie persönlich werden dafür sorgen, dass sie weder stehen bleibt noch uns den Abhang runterfällt.“<br />
„Jawohl und erneut zu Befehl du olle Despotentussi und außerdem pah von wegen Wasser- keine Ahnung von nix hast du.“<br />
Tosend lautes Milchspektakel, glitschiger Felsengrund, immer weiter hinab, Stufe um Stufe und Stein für Stein.<br />
„Und übrigens Blondi, ich weiß, wer dich gefickt hat, dieser Obermufti aus der Küche habe gehört, wie er damit geprahlt hat. Wo hast du ihn rangelassen, hinterm Herd, in der Vorratskammer oder hast du ihn zu dir nach Hause geschleppt. Dort dann eine ordentliche Show abgezogen, mit Sekt, Kerzen und geilen Strapsen und so. Oh ja, mach weiter, ja, ja, du bist gut, besser, der Beste von allen! Bist auch nur ne billige Nutte wie alle anderen.“ Und unten wartete schon der Milchsee, Quell und Ursprungsort des Wasserfalls reichte er bis weit in das Erdreich hinab.<em></em></p>
<p>Algenumwickelt und bis auf dem Schlammgrund hinab, tiefer, tiefer, durch die Erdenmitte hindurch und wieder an die Bodenfläche emporgehoben. Sauerstofflos, kalt, erloschen. Karpfen nagten am Zehenfleisch und Brachsen verfingen sich in dem wirr feinen Haar. Luftblasen, sie erreichten die Wassergrenze und fielen dann jäh in sich zusammen wie erodierende Schlammlöcher, hoch, tief und wieder hinab.<br />
„Wir haben es geschafft, Applaus für unser so erfolgreiches Team!“ Abschätzend blickte Charlie auf die Uferböschung. „Alle rüber, hier scheint es flacher zu werden&#8230;“ Über und über mit Wachholderkraut bewachsen.<br />
<em></em>„Nein halt, da ist etwas in dem See.“ Aida löste sich von Jule und beugte sich über das Gestrüpp hinweg. „Ein hilfloses Wesen, vielleicht können wir es noch retten&#8230;!“<br />
Der Körper trieb in der Milchbrühe wie ein fauliger Baumstamm, die Rückseite himmelwärts gerichtet und das Gesicht noch tief abwärts getaucht. Er gurgelte, strudelte, drehte sich herum und schrie. Stummlippiger Widerhall in ufernaher Ferne.<br />
„Halt, wir dürfen dem Ding nicht zu nahe kommen, es könnte gefährlich sein. Schnell weg von hier!“<br />
„Aber nein, wir können dieses arme Wesen doch nicht einfach so da drinnen treiben lassen, es braucht unsere Hilfe.“<br />
„Können wie wohl Mutti, denn mein Bedarf an Caritas ist für heute echt gedeckt.“<br />
Weiter, weiter und immer auf das Ufer zu.<br />
„So packt doch mit an, ich bin zu schwach um es allein zu schaffen. Bitte habt doch ein Herz.“ Aida kriegte einen Arm zu fassen, einen Zweiten und dann zog sie es empor.<br />
„Ein wahres Wunder ist geschehen, es lebt!“<br />
Blass wie ein Fischbauch, starr wie ein Betgestühl, dürre Schenkel, knochige Knie und Rippenbögen, die sich auf und ab senkten, tief erschlafftes Brustgewebe.<br />
„Ein aus dem Nest gefallenes Küken, es braucht jetzt meine Liebe und muss gefüttert werden.“<br />
„Sind Sie noch bei Sinnen dieses ekligen Ding auch noch weiter anzufassen. Wenn Sie es schon unbedingt aus diesem Tümpel ziehen mussten, lassen Sie es jetzt gut sein und kommen Sie bitte weiter.“<br />
„Seht her, jetzt öffnet es die Augen&#8230; hallo fremdes Wesen, wer bist du, woher kommst du und wie ist dein Name?“<br />
„Ich heiße Marlies und habe mir nichts zuschulden kommen lassen, Marlies mit einem e hinter dem i.“ Ein misstrauischer Blick aus fahlen Pupillen heraus. „Und wer sind Sie eigentlich, ich kenne Sie nicht, und wenn Sie eine Fremde sind, will ich Sie auch nicht kennenlernen.“<br />
„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, ich will dir doch nur helfen.“ Aida strich über die eingefallenen Wangen. „Nur keine Angst mein Schatz, alles, alles wird wieder gut.“ Begehrliches Muttertier, sehnend, sehnend und die eigenen Wangen so leuchtend prall wie die einer Wöchnerin.<br />
„Ich brauche keine Hilfe und lassen Sie mich in Ruhe, denn meine Leben ist immer ein Rechtes gewesen, habe mir nichts zuschulden kommen lassen und bin immer tugendhaft geblieben. Was wollen Sie überhaupt von mir und nehmen Sie ihre aufdringlichen Hände fort das ist ja unanständig!“ Brüsk richtete Marlies sich auf. „Sie, ich kennen Sie doch, Sie sind der Leibhaftige in einer von seinen Tausenden Gestalten. Ja, ich erinnere mich, das Ende der Welt war gekommen, der Höllengrund hatte sich aus dem Himmel gesenkt, die Erde sich geöffnet, infernale Winde sind ihr entwichen, Pestilenzen und Schlangenleiber. Ich erkenne dich und weiche von mir, du willst mich verführen, um mich dann zu deinesgleichen machen. Nein!“ Marlies taumelte hoch und die Milchreste auf ihrem Körper begannen zu gerinnen, lief ihre Brüste und in den Schoß hinab. „Ich will mich nicht mit dir verbandeln!“ Stinkend faule Klumpenstücke, keine Nahrung mehr, keine, längst verlassene Brutstätte und niemals bewohnt gewesen.</p>
<p><a href="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/05/78.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-200" title="78" src="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/05/78.jpg?w=640&#038;h=186" alt="" width="640" height="186" /></a></p>
<p>Die Sonne begann hinter den Horizont zu sinken, noch glühten letzte Strahlenreste über den Wipfeln und dann waren auch sie verschwunden. Die Nacht senkte sich erneut auf diese fremdartige Welt hinab und mit ihr kamen die drei Monde, embryonengleich aneinander geschmiegt und Millionen von Sternen funkelten dazu am Himmelzelt. Silberig hell hauchende Aurora, ihre Schweife umflirrten die Baumkronen und das Gehölz summte in heiseren Basstönen, die Gräser zirpten, liebliche Oden und abscheuliche Choräle, sie schrien.</p>
<p>„Glaube nicht, dass ich diese Person schon mal gesehen habe. Kommt mir jedenfalls nicht bekannt vor, vielleicht eine Reinigungskraft oder so etwas Ähnliches. Aber Charlie, du musst auf jeden Fall immer weiter auf der Hut bleiben, sich nicht täuschen lassen, von nichts und niemand.“ Unruhig wälzte Charlie sich umher, Nachtgeräusche, Kiefernnadeln und Kaninchenkot, kein Schlaf mehr in dieser laut bewohnten Stille.<br />
„Und hey Sie, sind Sie noch wach?“ Sie tastete nach Jules Hinterkopf. „Hören Sie, und das gilt auch für Sie, sich hier nicht täuschen lassen. Und wir beide, wir müssen jetzt zusammenhalten, denn auf diese Hausfrau können wir uns nicht verlassen, das hier ist nämlich was anderes als in schönen Kleidern auf Wohltätigkeitsgalas rumzuspazieren und sich dann das Buffet rauf und runter zu essen. Ja, das hier ist echt was anderes, es zählen nur noch Sie und ich. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort darauf?“<br />
„Mach dir keine Gedanken, das ist nur ne Gestörte, vielleicht eine Pennerin aus dem Park, da hängen doch genug solcher Gestalten rum. All dieses Gequatsche von wegen Schlangen, Höllenfeuer und Weltuntergang, der hat der billige Fusel wahrscheinlich schon das Hirn zersetzt, hätte mal lieber in besseren Stoff investieren sollen. Ja das hätte sie!“ Jule starrte zu den Wipfeln empor, rauschende Sternenmillionen, silberhell und verlockend leer.<br />
„Guter Stoff ist nämlich das A und O für einen anständigen Trip, wenn du den nicht hast, erlebst du nur den Horror.“ Sie kniff die Augen zusammen und die Sterne verdichteten sich zu Bildern, Gerüchen und Geräuschen. Sie schwebten hinab und flirrten empor, ihre Leiber quollen und zerstäubten sich wieder, Silberregen, Schattenspiele und eine Bewegung im nahen Gesträuch.<br />
„Scheiße da ist was, hörst du es auch Blondi?“<br />
„Nein wo? Ich höre nichts.“<br />
„Doch, doch da drüben, da raschelt doch was&#8230;“<br />
„Vielleicht ein Kaninchen, das in seinen Bau zurück will oder der Wind in den Zweigen. Legen Sie sich wieder hin und versuchen Sie noch ein wenig zu schlafen, denn wir haben Morgen einen anstrengenden Tag vor uns.“<br />
„Es ist garantiert diese Pennerin, die schleicht da rum und will Randale machen und sie stinkt. Riechst du sie denn nicht? Faule Eier und Feigheit, die ihr bis aus den Ohren quillt. DU bist es, ich erkenne dich an deinem Gang. Torklest über den Flur, besoffen und geil wie immer und kannst deine Hände dann nicht von meiner Türklinke lassen. Ja du bist es, aber diesmal nicht mit mir mein übler Freund. Komme endlich aus deinem Versteckt raus und ich mach dich fertig so, wie du noch nie von jemandem fertig gemacht worden bist, wirst du dein Leben lang nicht mehr vergessen, das verspreche ich dir!“ Jule sprang auf, einatmen, ausatmen, einatmen. Leise Winde, stummes Mondklirren und eine Hand, die nach ihr griff.</p>
<p>Der Morgen kündigte sich mit Nebelbänken an, sie schwebten über den Baumwipfeln, netzten das Gras und fuhren in die Glieder wie nasskalte Leinentücher.<br />
<em></em></p>
<p><em>Gelächter, Gelächter und das Lärmen eines Orchesters, Runde um Runde, Schulter an Schulter und Wange an Wange, begehrlich ineinander verschlungen wie die elendigsten aller Dämonenkreaturen. Sie konnte ihren Atem hören, lüstern keuchend und um Gnade flehend, in diesem viel zu hellen Lichterschein, und dann war sie nur noch gerannt. Im Rosengarten und unter Lustlauben verborgen, das Inferno traf sie mit seiner ganzen Kraft, himmelhohe Feuersbrunst und machtvoll emporquellender Höllengrund. Im Teich ertrunken wie ein unerwünschtes Katzenjunges, immer tiefer gesunken und durch Schlammtrübe und kalkhaltiges Gestein hindurch, ihr sündiger Leib nur noch ein dunkler Klumpen in tiefster See. Kraftlos und matt, erloschenes Seelenschimmern, durch steten Druck zerbrochen bis auf seinen innersten Kern. Zu gut passend gemacht worden.</em></p>
<p>„Die Erde ist schlecht, es gibt kein Heil mehr auf ihr und wir sind alle Sündige gewesen. Jetzt sind wir hier, um unsere gerechte Strafe zu empfangen, denn es gibt kein Entkommen vor Seiner letzten und endgültigen Gerechtigkeit.“<br />
„Schlaf nocht etwas mein Engelchen und träume noch was Schönes, denn die Elfen flüstern dir jetzt Märchen zu. Über ein Schloss, seinen König, die Königin und ihre zahlreiche Kinderschar. Sie feiern bald ein großes Fest, wir sind dazu eingeladen und mit unseren besten Kleidern sollen wir dort erscheinen. Aus Taft, edelster Seide und mit Pelzkrägen, die unseren Wangen schmeicheln werden, und in den obersten Rängen werden wir sitzen, hinabblicken auf einen Ballsaal, der so groß ist wie die Hälfte des Himmels und die andere Hälfte noch dazu. Wir werden berauscht sein vor Glück&#8230;“</p>
<p>Das Glück, der Winde, die Sünde, der Rausch, EINGELADEN, eine unruhig verbrachte erste Nacht, Morgenausdünstungen und sirrende Zikadennebel. Sie lösten sich auf.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/herzensfleisch.wordpress.com/189/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/herzensfleisch.wordpress.com/189/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/herzensfleisch.wordpress.com/189/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/herzensfleisch.wordpress.com/189/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/herzensfleisch.wordpress.com/189/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/herzensfleisch.wordpress.com/189/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/herzensfleisch.wordpress.com/189/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/herzensfleisch.wordpress.com/189/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/herzensfleisch.wordpress.com/189/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/herzensfleisch.wordpress.com/189/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/herzensfleisch.wordpress.com/189/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/herzensfleisch.wordpress.com/189/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/herzensfleisch.wordpress.com/189/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/herzensfleisch.wordpress.com/189/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=herzensfleisch.wordpress.com&amp;blog=4041504&amp;post=189&amp;subd=herzensfleisch&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Kapitel 2: Fremde Welt – Waldesruhe, etwas angetan, die Lichtung und das Erwachen.</title>
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		<pubDate>Sun, 15 May 2011 07:09:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claudia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Herzensfleisch]]></category>

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		<description><![CDATA[Gleißende Himmelsbläue und hitziges Sommerschwirren, darunter ein Waldteppich ohne Wiederkehr, undurchdringlich und endlos weit gestreckt. Das Sonnenlicht drang nur spärlich durch seine Wipfel, mit langen Fingern tastete es sich voran, über die Stämme, das Nadelgewirr und zerzauste Geäst hinweg. Harzflecken &#8230; <a href="http://herzensfleisch.wordpress.com/2011/05/15/kapitel-2-fremde-welt-%e2%80%93-waldesruhe-etwas-angetan-die-lichtung-und-das-erwachen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=herzensfleisch.wordpress.com&amp;blog=4041504&amp;post=89&amp;subd=herzensfleisch&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/05/tiefer-wald3.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-94" title="Fremde Welt-der Wald" src="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/05/tiefer-wald3.jpg?w=640" alt=""   /></a></p>
<p><em>Gleißende Himmelsbläue und hitziges Sommerschwirren, darunter ein Waldteppich ohne Wiederkehr, undurchdringlich und endlos weit gestreckt. Das Sonnenlicht drang nur spärlich durch seine Wipfel, mit langen Fingern tastete es sich voran, über die Stämme, das Nadelgewirr und zerzauste Geäst hinweg. Harzflecken und Flechten voll von Käfertier und Gewürm, tiefer, tiefer und dann sich annähernde Moosfeuchte. Und dazwischen gurgelte dann der Milchfluss, nahrhaft hell und verzehrend, seine Quelle speiste sich aus den gefrorenen Meeresarmen, weit entfernt und am Ende der Welt. Wimpern, Wangen und weiches Wogen, Blütenklirren. Gesichter blicken zum Himmel empor wie erstarrte Madonnenantlitze, die Augen geschlossen und die Münder nach innen gestülpt und sehend. Schillernde Polarlichter und funkelnde Aurora, hinterher jagende Flugschwärme, hell wie die Nacht und schwarz wie der Tag, hinfort, hinfort und dann herbei.</em></p>
<p>„Meine Beine, wo sind sie&#8230;“ körperlos, schwerelos in der Erdenmitte und durch sie hindurch. „Sie sind weg, weg.“ Sekunden, die ewig währten, flammend brausend und karminrot glimmend. Feuersbrünste und alles mit sich reißende Ströme, Lavabrocken, die auf Schmelzflüssen trieben. Durch sie hindurch, ohne Mund und ohne Besinnung, die Luft glühte sauerstofflos und Atem hallte an offenen Wänden wider.<br />
Erneut an die Bodenfläche emporgehoben. Leiber materialisierten sich wie blasige Schlickausstülpungen, konvulsivisch schwellend und spasmisch sich wölbend, Gedärmschlingen und sich sammelnder Knochensaft. Geburtswehen im Gehölz und bunt wogender Kleiderreigen, Haut wuchs über Fleisch und Gewebe überzog die Muskelfasern, Haarflaum entspross den Schädeloberflächen wie faseriger Blütenstaub. Rock und Bluse, Bluse, Rock, Baumwollgewebe fügte sich erneut zusammen und Knöpfe schlossen sich in ordentlichen Reihen.<br />
„Hilfe, Hilfe.“ Jule wälzte sich auf dem Boden umher, öffnete die Handflächen und schloss sie wieder. „Lass mich los, weg von mir, ich will nicht mehr.“ Lodernde Hitze und Schleimhauttrockenheit. „Wasser, brauche Wasser!“ Ihre Nägel wühlten sich in Kiefernadeln, klebrig klamm und prickelnd blutdurchströmt.</p>
<p>Der neue Tag und das Erwachen.<br />
Stämme über Stämme, Baumrinden und schwirrendes Blättergewirr, mit gesenkten Wimpern blickte Jule ins Dämmerlicht empor, dort dann Vogelgezwitscher und weit entferntes Sonnenflimmern.<br />
„An was für einem abartigen Ort bin ich hier? Surrt wie ein Bienenstock und stinkt wie in einem Kurhotel.“ Sie leckte sich über die neue Lippenhaut, harzgetränkt und rau. Wiederkehrende Erinnerungen und aufkeimende Ahnungen, das Erwachen, matt grau fahl, pulsend, schwer. ÜBELKEIT.<br />
„Weiß gar nicht, dass ich gestern Abend so viel geraucht habe, nur einen Zug, höchstens zwei, für die Nerven und zwischen den Gängen.“ Abendgesellschaft und Sklavenfron und dann die Menschenmassen in sinnlosem Geschwätz vereint. „Schneller, schnell, machen Sie schon Frau, wie immer Sie auch heißen mögen. Das muss alles in einem Zug gehen, also nicht trödeln und nicht stehen bleiben.„ Treppab nach draußen in die Nacht, eine heimlich erschlichene Raucherpause, Servicekraft, vor dem Gebäude, stets auf dem Sprung zurück, zurück und dann eine Bewegung im nahen Gesträuch. Gliederzittern und aufflackernde Mooslichter. Jules Hirn presst sich gegen die Schädeldecke wie aufquellendes Pilzfleisch. „PERVERSER SPANNER, ELENDIGER WIXER und durch die Botanik schleichend, wie ein verdammter Serienmörder. Aber du kriegst mich nie und niemals mehr, auch wenn du noch so bettelst, drohst oder mit deiner Geldbörse klimperst. Du bist einfach nur Dreck!“ Etwas angetan, panisch tastete Jule ihren Körper ab, arbeitete sich bis zu unteren Öffnungen vor, rosa glänzend und trocken knirschend. Neuankömmling und wiedererweckter Leib, er war unversehrt und ohne Blessuren, kein Leid war ihm angetan worden, KEIN LEID. Sie drehte sich herum und erbrach sich in das Laub der vergangenen Jahre.</p>
<p>„Hey hallo, ist hier noch jemand außer mir!“ Allein durch den Wald und um die Bäume herum, weiter, tiefer und wieder zurück-Jule entdeckte Charlies Körper schließlich in einer nahen Moosmulde liegend.<br />
„Los, machen Sie schon wachen Sie auf, denn mit uns ist etwas Schreckliches passiert.“ Chefin und blond gesträhnte Vorgesetzte, sie kniete sich zu ihr hinab, packte sie am Ellenbogen und horchte an ihrer Brust. „Los, los, verarschen kann ich mich selbst, sie leben, ich kann Ihr Herz schlagen hören, es pumpt wie ne irre gewordene Dampfmaschine.“ Klatschte auf die Wangen ein, schneller, fester und dann senkte sich ihr Mund auf den der Fremden hinab. Ein, aus und faulatmige Spuckemelange.<br />
„Servicekraft, billige Abendaushilfe, so stehen Sie doch nicht so untätig rum und helfen Sie mir den Lichtschalter zu finden.“ Hinaus, hinaus und weiter bis in den Saal, der Gast, der König, die Türe, verschlossen und zu. Nur Gegenlichtflimmern und hinabrieselnde Käferlarven.<br />
„Wo bin ich, was ist los.“ Charlie stemmte sich hoch. „Was machen Sie da? Und was starren Sie mich so an und sollten Sie denn nicht längst wieder an Ihrem Platz sein? Los beeilen Sie sich, denn das Event beginnt in wenigen Minuten. Und bitte bringen Sie endlich Ihr Namensschild wieder in Ordnung und was ist überhaupt mit ihrem Kopf geschehen, ich meine darauf, das Haar, es ist nicht mehr an seiner dafür vorgesehenen Stelle. Ich fordere Sie unverzüglich auf, auch dieses wieder zu regeln, aber schnellstens, denn der Gast hat bei uns einen exzellenten Service bestellt und dazu gehört selbstverständlich auch ein tadelloses Erscheinungsbild!“<br />
„Hey scheiße man, was reden Sie für ein wirres Zeugs, sehen Sie nicht, was hier los ist, wir sind in irgendeinem fiesen Trip gelandet. Voll Horror das Ganze, Bäume, Bäume, nichts als Bäume und dann stinkt es hier noch, als hätte jemand ne ganze Packung Mentholkippen auf einmal weggeraucht.“<br />
„Ich frage Sie noch einmal, wo sind Ihre Haare hin?“<br />
„Meine Haare, meine Haare, wen interessieren die jetzt noch, sind weg und besser ist es. Dieser olle Wischmopp war eh ein Billigprodukt gewesen und kratzig obendrein. Und Frau Chefin landen Sie lieber mal ganz flugs in der Realität an, denn uns scheint jemand echt fies gelinkt zu haben, haben Sie mich verstanden!?“<br />
„Was erlauben Sie sich da für einen ausfallenden Ton, das ist äußerst respektlos und wird für ihre weiteren Einsätze bei uns Konsequenzen haben.“ Später Vormittag auf sonnengesprenkeltem Waldboden, in Charlies Augen spiegelte sich noch die Neonbeleuchtung wider, grell glimmend und klamm surrend. Feuchte Erde,<br />
FREMDE WELT.<br />
<em><br />
Ein Vogel keckerte aus weiten Höhen, himmelblau und eisig fern und in seinen Klauen bebte das tränengefüllte Beutefleisch. Er sank tiefer und tiefer, weiter und dann warf er es ab. Aida taumelte durch die Luft wie ein zu schwer gewordener Schmetterling, drehte sich, landete sanft und schmerzvoll und versank in einem hohen Gräsermeer. Schlafruhe zwischen Nelkenkraut und Schafgarbe, träge und hitzematt. Die Mittagsonne hatte die Lichtung in ein gleißendes Licht getaucht, sie verweilte, zog weiter, Vogelrufe, Windwogen und Baumwipfel, die schon ihre ersten Schatten warfen.</em></p>
<p>„Machen sie mal Platz, damit ich besser sehen kann, wo wir sind. Los, los machen Sie schon.“ Charlie stieß Jule beiseite und stemmte sich empor.<br />
„Verdammt noch mal, was ist denn das?“ Schwindeltaumel, Angstatem und mit weiten Augen starrte sie in das moosige Dunkel des Waldes. Stämme über Stämme, ungeordnet ordentlich, endlos und dazwischen dann Unterholzgestrüpp und der rasch hinweghuschende Schweif eines Tieres. Heranwehender Pilzodeur, feucht und faulig, abrupt drehte Charlie sich herum. „Was haben Sie mir da gegeben, Sie, Sie haben mir doch da was Illegales zugesteckt, da draußen im Gang und direkt in meine Tasche hinein. Ich warne Sie, Vorgesetzte unter Drogen zu setzen ist eine Straftat und unmoralisch obendrein. Und es wird Konsequenzen haben, ich werde ernsthafte strafrechtliche Schritte gegen Sie einleiten müssen, jawohl, genau das werde ich tun!“<br />
„Regen Sie sich ab und lassen Sie mich wieder los, Sie brechen mir ja den Arm. Und außerdem, wer kokst sich denn bei jeder Schicht den Schädel zu, unsereins garantiert nicht, denn dazu reicht schon alleine die Kohle nicht. Ausgebeutet und dann auch noch verleumdet, so sieht es nämlich aus Frau Oberchefin!“<br />
„Was wagen Sie da mir zu unterstellen, ich kokse mir nicht den Schädel zu, wie Sie es nennen, zeigen Sie mir lieber nicht den Ihren so obszön Geschorenen. Setzten Sie sofort Ihre Perücke wieder auf und das ist jetzt ein Befehl&#8230;!“<br />
Ja, nein, ja-Handgemenge unter wogenden Wipfeln.<br />
Sie lügen, nein Sie, du bist schuld an allem, nein du. „Gehen Sie weg, bleiben Sie hier und lassen Sie meine Haare los, Sie Miststück.“ Kunsthaarperücke und falsch leuchtender Kastanienschopf, flinke Pfotenpaare zogen ihn bereis zu sich in das Erdreich hinab, ideales Nestgewölle und weich getretene Brutauspolsterung.</p>
<p>Eine erste Wanderung.<br />
„Kommen Sie, trödeln Sie nicht so rum und bleiben Sie lieber dicht hinter mir, denn wenn wir uns aus diesem Irrgarten befreien wollen, dürfen wir uns auf keinen Fall verlieren.“ Charlie kämpfte sich durch das Unterholz und Jule stolperte hinterher.<br />
„Halt nicht so schnell, so warten Sie doch und wo wollen Sie denn überhaupt hin, hier ist doch eh nur übelster Urwald weit und breit.“ Höherstehende und Vorgesetzte, immer weiter, weiter, über Stunden hastete sie zwischen den Baumstämmen hindurch wie ein flüchtend grauer Harlekin. „Kommen Sie, folgen Sie, nur zu&#8230;“ Dann war der Tag vorbei und waldtiefe Dämmerung senkte sich hinab.</p>
<p><a href="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/05/wald43.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-140" title="Schwarzwald" src="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/05/wald43.jpg?w=640&#038;h=171" alt="" width="640" height="171" /></a></p>
<p>„Halt, bitte lassen Sie uns endlich mal eine Pause machen.“ Servicekraft, Untergebene. „Hey, wirklich, ich kann nicht mehr, echt bin völlig am Ende und außerdem herrscht hier bald die total übelste Finsternis.“<br />
„Nur keine falsche Müdigkeit vortäuschen, denn wir können es uns nicht leisten Zeit zu verlieren.“ Immer weiter, taumelnd, keuchend, Charlie, die Bäume, der Wald, das Getier, der Trip, verworren endlos und ein Ausweg musste da hinausgefunden werden, um jeden Preis.<br />
„Keine Zeit zu verlieren, pah, Sie haben doch echt eine an der Waffel Frau Superchefin. Ich falle gleich tot ins Moos oder breche mir noch die Haxen mit diesen Tussenlatschen hier.“ Heidelbeeren und gemeiner Wachholder, Jule verhedderte sich. „Verfickte Teile, aus, aus und endlich weg damit.“ Jäh stoppte sie, riss sich die Absatzschuhe von den Füßen und schleuderte sie dann weit in die Dunkelheit hinaus. „Da habt ihr was Leckeres und guten Appetit und dass sich euch der Magen umdreht.“<br />
Erzwungene Atempause, ein, aus, ein. „Hey, warten Sie doch wenigstens jetzt auf mich. Das gibt’s doch nicht, die rennt einfach weiter wie eine Besessene, ist echt irregeworden die Alte. Haalt!“ Ein &#8211; aus, ein Käuzchenruf hallte in den Wipfeln wider und der Boden atmete kühle Feuchte aus, wasserperlig und mondglänzend.</p>
<p>Die erste Nacht im Wald. Wanderung, weiter, weiter und wieder zusammen, fernes Rascheln und düstere Schattenspiele und dann mit einem Male ein mondhelles Aufleuchten zwischen den Stämmen.<br />
„Endlich haben wir es geschafft, wir sind raus aus dem irren Gestrüpp.“<br />
„Halt lassen Sie mich lieber vorangehen, wer weiß, was für Gefahren da auf uns lauern könnten!“<br />
„Gefahren, was könnte schlimmer sein als dieser beknackte Märchenwald? Ein totaler Albtraum dachte schon, dass der nie aufhört, und von diesem ganzen Gelatsche sind mir die Beine ja schon bis in den Magen gerutscht.“<br />
“Ich gehe und Sie bleiben.“<br />
„Jawohl Frau Chefin, klar, Ihr Wunsch sei mein Befehl und weg da, jetzt komme ich, die Freiheit ruft.“ Weiter Wiesengrund, geweitetes Augenlicht und ein jäh einsetzender Taumel. „Boah Scheiße, hier stimmt was nicht, da, da ist was, irgendwas echt Abartiges.“ „Ich habe Sie doch gewarnt, kommen Sie bitte schnell zurück!“<br />
„Nein ist echt völlig abartig, Chefin, das müssen Sie sich unbedingt ansehen. Volle irre, alles doppelt und dreifach da oben wie nach einer ordentlichen Dosis Alk&#8230;!“<br />
<em></em></p>
<p><em>Drei Monde leuchteten am Nachthimmel und spiegelten sich auf der Grasfläche wider wie der Abglanz perlbesetzter Embryonenleiber. Einer hinter dem anderen, der andere zuvor dem einen, Planetengunst und sichelgleiche Geschwisterliebe in einer nicht vollzogenen Umarmung dem jeweils jüngeren Anverwandten Schutz gewährend. Anbei noch Grillenzirpen, Schafgarbe und der Geruch von frisch hinabgefallenem Vogelkot.</em></p>
<p>„Änderung des Plans, wir bleiben hier&#8230;!“</p>
<p>Die Nacht verging und der Morgen kam, kühle Nebelschleier in einer fremden Welt und dann das erste Aufleuchten über den Baumwipfeln. Sonnenglitzern.</p>
<p><a href="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/05/morgennebel16.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-146" title="Morgennebel1" src="http://herzensfleisch.files.wordpress.com/2011/05/morgennebel16.jpg?w=640&#038;h=200" alt="" width="640" height="200" /></a></p>
<p>„Was für eine beschissene Nacht, mein Rücken im Eimer und die Kehle am wegdörren, ich brauche dringend mehr Wasser, bei diesem ganzen Tautropfen ableckten komme mir schon vor wie Biene Maja.“<br />
„Ja vielleicht finden wir hier einen Bach oder Ähnliches, aber bitte passen Sie auf und kommen Sie bloß Nichts zu nahe.“<br />
„Klar Chefin ich bin ja nicht blöd und entwöhnt bin ich auch schon. Und apropos, da ist schon was, da vorne da in dem Gesträuch und sieht irgendwie komisch aus.“<br />
„Halt bleiben Sie bloß fern, das ist wohlmöglich der Kadaver eines verendeten Tieres!“<br />
„Ein Tier wie praktisch, der Magen hängt mir auch schon bis zu den Kniekehlen.“<br />
„Machen Sie keine schlechten Witze, denn in Ihrem Alter wissen Sie doch gar nicht, was so alles im Leben auf Sie zukommen kann. Und warten Sie, ich hole lieber einen Stock, sicher ist sicher.“ Weiter und weiter durch das nass kühle Gras.</p>
<p><em>&#8230;Inmitten hoher Halme gefangen und aus dem Himmelsgewölbe hinab gestürzt, gehauchter Sternenodem, eisig, frostig, fern, frisch erblüht.</em></p>
<p>„Hey dieser Trip hier wird ja immer absurder, das ist kein Tier niemals. Kommen Sie mal her, das Ding sieht sehr menschlich aus.“ Jule tippte mit dem Fuß gegen Hüftspeck und ausuferndes Gesäß. „Ist ne Madame, fast so wie diese von Tisch vierzehn, die mit dem Kind.“<br />
„Bleiben Sie fern, ich komme.“<br />
„Ha ja, das ist sie, das ist sie und ganz schön derangiert die Gute. Sind wohl zu viel mit offenem Verdeck gefahren werte Madame?“<br />
„Bleiben Sie weg, ich bitte Sie!“<br />
„Klar Chefin aber was glauben Sie, wer hier als Nächstes ankommt: Elvis oder der Papst!? Tolle Sache was, wollen wir darauf eine Wette abschließen?“</p>
<p><em>Malvenblüten wehten ihren Duft herbei, zart summend, herb zwitschernd, Sonnenblätter, Himmelskerzen, mit einem Wurzelwerk, das bis tief unter die Erde reichte.</em></p>
<p>„Nein das ist kein Tier und ja doch, Sie könnten wohlmöglich recht haben, mir kommt ihre Frisur bekannt vor und auch dieses unmöglich bunte Kleid.“ Eine wage Handbewegung und ein ehrerbietiger Augenaufschlag. „Und ist sie nicht gar die Frau von dem Herrn sowieso, Leiter dieser Klinik da, 3.500 Mitarbeiter und ein Jahresgehalt von weit über&#8230;; und Sie, sie hat sich dann doch stets fürs Karitative eingesetzt, Kinderhilfe und so.&#8221; Ein Bückling vor dem hoch aufwuchernden Königskraut. „Ja wirklich, jetzt erkenne ich Sie wieder.“</p>
<p><em>Schattenkränze unter den Augen wie eine verdichtete Seelenaura und Hände, die ins Leere griffen, kein Leib mehr, keiner, verloren an die Tiefe und an die sterneneisige Nacht-</em>„Hallo Mademoiselle, bitte kommen Sie mal her zu mir. Das Kind, es möchte gerne eine andere Speise haben, nicht so viel Fisch und nicht so scharf und nichts mit Alkohol. Ja, vielleicht Spaghetti mit etwas Toast, sie wissen schon und bitte, seien Sie doch so nett und rücken Sie ein wenig beiseite, damit es sich dieses entzückende Schauspiel auch mal aus nächster Nähe anschauen kann. Bitte und auch danke für Ihr so rasches Entgegenkommen.“</p>
<p>„Habe es doch gesagt, das ist die Mutti von Tisch vierzehn&#8230;!“</p>
<p><span style="color:#008000;"><br />
</span></p>
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		<title>Kapitel 1: Das Fest – schneller, Gattin und Gast, Servicekraft, zeig dich mal und ein schattengleicher Vogelleib.</title>
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		<pubDate>Tue, 03 May 2011 08:47:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claudia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Herzensfleisch]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Kind schloss seine Augen, hörte auf zu wachsen und die Leuchtkäfer ließen ihre Larvenpuppen hinabrieseln, sie verwelkten, sie erblühten und sie verwelkten erblühend. Puppenleiber und fleischig zarte Atemmilde, hinab, hinab, hinab, Herzensfleisch, ein Herz aus Fleisch, das Kind, es &#8230; <a href="http://herzensfleisch.wordpress.com/2011/05/03/kapitel-1-das-fest-%e2%80%93-schneller-gattin-und-gast-servicekraft-zeig-dich-mal-und-ein-schattengleicher-vogelleib/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=herzensfleisch.wordpress.com&amp;blog=4041504&amp;post=19&amp;subd=herzensfleisch&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Das Kind schloss seine Augen, hörte auf zu wachsen und die Leuchtkäfer ließen ihre Larvenpuppen hinabrieseln, sie verwelkten, sie erblühten und sie verwelkten erblühend. Puppenleiber und fleischig zarte Atemmilde, hinab, hinab, hinab, Herzensfleisch, ein Herz aus Fleisch, das Kind, es wuchs nicht mehr.<strong> </strong></p></blockquote>
<p>„Weiter, immer weiter.“ „Defilee mit Aperitifs und Avocadocremesuppen. „Nicht stehen bleiben, bitte immer weiter gehen und Platz für den Nächsten machen.“ Dunkel befrackt und streng berockt. „Und mehr Tempo, wenn ich bitten darf. Nicht stocken und nicht auflaufen da hinten, das muss alles wie in einem Zug durchgehen!“Schweißnasse Gesichtermelange und eine Vorgesetzte im Livree. Ihre Augen huschten über die Aufeinanderfolge von Aushilfskellnern und Kellnerinnen, schneller, schneller, schnell und HINAUS. Mit einem diensteifrigen Lächeln drängte Charlie sich dann an ihnen vorbei und betrat den Saal. Sie atmete ein und sie atmete aus, der Abend, er hatte erst begonnen.</p>
<p>Beschwingte tönende Geselligkeit auf samtenem Bodenbelag und seichtem Klangteppich. Der große Saal war mit Kassetten aus Teakholz geschmückt, in akkuraten Reihen die Wände entlang und bis zur Decke empor, und dort wogte dann ein Meer aus Kristallleuchtern wie falsch aufglitzernde Diamantencolliers. Tisch an Tisch und Stuhl neben Stuhl, die Bestecke waren einwandfrei drapiert, die Servietten zu Blüten gefaltet und handbeschriftete Platzkarten inmitten der Teller wiesen jedem seinen Platz zu. Exquisite Speiseerwartung und schon mal ein Prosit vorab, lachend wurden die Gläser herumgereicht, bis zum Rand gefüllt und goldgelb klirrend.</p>
<p>Die Gattin und der Gast. Ihre Gestalt war üppig bunt und einnehmend, sein Leib in grau fade edles Zwirn gepresst, ihre Haarpracht glich einem tiefdunklen Vogelnest, sein Haupt glänzte rosig kahl. Sie beugte sich vertraulich zu ihm hinüber und er wendete sich seinem Nachbarn zu, sprach über Politik, das Weltgeschehen und über die auch künftig darin zu tätigenden Geschäfte, nickte beiläufig weltmännisch, und sie plapperte indessen unaufhaltsam weiter, weiter und weiter. Matronenleib, vollbrüstig üppig, einnehmend nah und Er, Ehegatte und Weggefährte, er war Jemand und sie war Mutter und liebte die Kinder und die Liebe und die Welt wie sie war und wie sie sich sie erträumte. Beidseitige Abwesenheit.</p>
<p>SERVICE.<br />
Hallo, hallo Madame, bitte kommen sie mal her zu mir.“ Her zu mir. „Das Kind, es würde gerne etwas Anderes zum Essen haben.“<br />
„Sie würden gerne für das Kind eine andere Menüfolge bestellen?“<br />
„Ja wenn Sie so nett wären, vielleicht Spaghetti mit etwas Toast oder Ähnliches, denn dieser Fisch da ist nicht gut für sie, das Fleisch zu roh und dann erst der viele Alkohol in der Nachspeise. Nein, nein den kannst du auf keinen Fall bekommen und dann die Gabel hier kriegt sie auch kaum in ihren Mund hinein.“<br />
„Und ein anderes Besteck möchten Sie auch gerne noch haben?“<br />
„Ja aber natürlich nur, wenn es Ihnen nicht allzu viele Mühe bereitet, denn wissen Sie, dieses arme Ding ist mir ja schon so ans Herz gewachsen und leicht wird es ihr wahrlich nicht gemacht. Aber ihre Mutter, sie ist kein schlechter Mensch, nur etwas ungehalten vielleicht und ohne die rechte Erziehung, sagt mein Mann jedenfalls und auch, dass ich mich nicht immer so in fremde Angelegenheiten mischen soll und das jeder eben sein eigenes Leben lebt, aber ich denke, das man helfen soll wo man helfen kann.“ Matronenleib, perlend, plappernd, er lächelte sie mit lachsfarbenem Lippenfleisch an.<br />
„Ja Helfen ist immer gut und was das Essen angeht, werde ich mich in der Küche erkundigen, ob sich da auf die Schnelle noch etwas arrangieren lässt.“<br />
Charlie trat einen Schritt vom Tisch zurück und ihr Hintern streifte fremde Rückenhaut. „Es kann aber ein paar Minuten dauern und Sie müssten sich also noch etwas gedulden.“<br />
&#8220;Ja das wäre wirklich ganz entzückend nett von Ihnen!“<br />
Entzückend und nett. Charlie eilte davon und in ihren Augen spiegelten sich die Teppichfliesen wider, geflissentlich unterwürfig und leuchtend artisklar.</p>
<p>Anderes Heraneilen und balancierendes Hinabbeugen.<br />
&#8220;Hier ist die Nachbestellung wie verlangt.“ Hektisch klirrend. „Nudeln und Toast, ich hoffe, dass wir damit ihren Geschmack getroffen haben.“ Sie streifte die Schulter und berührte das geschmückte Ohr.„Ja danke, vielen Dank erst einmal&#8230;“ Zaudernd, zögernd.<br />
„Haben Sie sonst noch einen Wunsch Madame, ich meine kann ich noch etwas für Sie tun, denn wir haben hier noch andere Gäste, also entscheiden Sie sich bitte!“<br />
Servicekraft, ungeduldig verlagerte sie ihr Gewicht von einem Bein auf das andere.<br />
„Entscheiden ja und das Kind, es ist jetzt zufrieden aber später, ja später wird es möglicherweise noch etwas benötigen und würden Sie dann bitte so nett sein und es uns bringen, Sie oder eine von ihren vielen Kolleginnen, die uns vorhin so nett angelächelt hat? Und so schöne Augen hat sie gehabt, wie mein kleines Engelchen hier und die hast du doch von deiner entzückenden Mutter nicht wahr und sie wird sich bald wieder um dich kümmern, das versprechen ich dir, bald, ganz bald.“<br />
„Madame, Madame wenn Sie sonst noch etwas benötigen sollten, sagen Sie einfach Bescheid, einfach nur Bescheid sagen ok?“ Servicekraft, ihr uniformierter Leib strahlte Küchendunst aus und die Wangen glühten unruhig unter dem allzu falsch leuchtendem Kastanienhaar. Bescheid, Bescheid, und dann ein Abgang auf rasch geliehenen Absatzschuhen.</p>
<p>Der Abend glitt seinem Höhepunkt entgegen, lautes Gelächter und das Lärmen des Orchesters. Schulter an Schulter und Wange an Wange, in zahllosen Runden drehten sich die Tänzer im Raume und in den Fenstern spiegelten sich ihre Silhouetten wider.<em> Leib an Leib, Mund an Mund, rachennah, sie klammerte sich aneinander wie Ertrinkende, sie umringten sich, haltlos, hautlos atemlos, verschlingend, BEGIERIG.</em><br />
„Das dürfen sie nicht machen, einfach nicht tun.“ Sie rutschte über das Geröll, Hang abwärts und wieder hinauf, erreichte den Wegrand und blieb dann zitternd stehen. Im Gebäude brannten die Lüster und auf der Rasenfläche herrschte bodenlose Dunkelheit. Aus schmalen Augen blickte sie zu der Brüstung empor, trockene Lippen und taubes Begehren. „Sie haben einfach kein Recht dazu, auch die da drinnen nicht und die schon gar nicht, sich so zu versündigen an Gottes Werk. NIEMAND darf das, kein Mensch, keine Pflanze und kein Getier, es ist unrein und nichts als Sünde und elendige Unsittlichkeit.“<br />
Sie tat einen Schritt zurück, noch einen und noch. Ein Metallgestänge, ihr Körper wölbte sich, ruderte beidhändig, dann verlor sie endgültig den Halt und stürzte zu Boden. Trugbilder, Albtraumwirbel und teuflisch tönende Geselligkeit, dass Nachtgras empfing sie mit seiner sumpfbleich glatten Kühle.</p>
<p>„Hey, wer ist denn da!“ Schattenspiele und Bewegungen im nahen Gesträuch. Ein hohler Fischbauch, ein Bottich voller Brackwasser, er eilte hinfort, stolperte und brachte das Blättergewirr erneut zum Beben. „Holla hallo wer bist du, ein verdammter Spanner oder was?“ Raus geschlichene Servicekraft, auf nur eine Zigarettenlänge und dem schnellen Sprung zurück. „Scheiße du Wixer, zeig dich mal.“ Angestrengt starrte Jule in die Dunkelheit, zitternde Hände und Knie. „Was ist los mit dir, bis dir wohl zu fein was, hast kein Arsch in der Hose, keinen Mumm? Aber dann hier draußen rum schleichen wie ein verdammter Serienmörder, kriegst sie wohl alle, ob blond ob braun, dick dünn, jung oder alt.“ Einatmen, einatmen und ein tiefer Zug an der Zigarette. „Aber nicht mit mir Freundchen, das sage ich dir mal, das wagt keiner mehr ein zweites Mal, es war das erste und auch letzte Mal, NIEMALS, auch wenn du noch so bettelst, drohst oder mit deiner Geldbörse klimperst. Du bist einfach nur Dreck!“<br />
<em>Mit engelsgleichem Gesang aus Hunderten von Kehlen dringend, die Schnäbel wie zum Kuss geöffnet, Pegasus zum letzten Flug bereit, Medusas Blute entsprungen ohne Meeresrauschen.</em> Und mit einem Male waren die Terrassentüren weit geöffnet, Menschenmassen strömen hinaus und ihr Stimmenklang hallte in der Nachtluft wider wie ein aufgescheuchter Vogelschwarm. Gelächter, Gelächter, Lachen, das Klirren von Gläsern und heiter beschwipstes Mitternachtsgetöse.<br />
„Fuck geht ja schon los diese ganze Scheiße!“ Hastig trat Jule ihre Zigarette aus und stieß die Metalltüre auf. Zurück, zurück auf den ihr zugewiesenen Platz und Stellungsrang. Sie erklomm die Treppenstufen mit rasselnd lauten Lungenflügeln, Beton, Rauverputz und dann gleißend helle Kachelkälte.</p>
<p>„Was haben Sie hier draußen zu suchen?“ Eine entgegenkommende Gestalt.<br />
„War kurz raus&#8230;“ Jule blieb stehen, keuchend atemlos, atemlos keuchend.<br />
„Raus?“<br />
„Ja, hab da was gehört.&#8221;<br />
„Wo haben Sie etwas gehört?“<br />
„Na da unten da, ein Penner oder so.“<br />
„Ihnen ist im Treppenhaus eine nicht zum Hause gehörende Person aufgefallen?“<br />
„Ja, nein, doch da unten im Park, ich meine vor dem Eingang war er, hat einen ganz schönen Krach gemacht und in den Mülltonnen rumgewühlt hat er auch wie ein Irrer.“<br />
„Aha, Sie wissen aber schon, dass sie als inneres Servicepersonal in und vor den Lieferaufgängen nichts zu suchen haben?“ Charlies Augenblau streiften sie eindringlich flüchtig.<br />
„Ja klar das weiß ich. Hatte aber gerade ne Minute über, und da es da draußen so gepoltert hat dachte ich, dass ich da mal schnell nach dem Rechten sehen sollte, bevor noch jemand zu Schaden kommt oder so was.“<br />
Zu Schaden kommen sollte. Charlie legte eine Hand auf die Türklinke, die andere stützte sie in ihre Hüfte und blickte auf Jules Uniform. „Frau, wie immer Sie auch heißen mögen, &#8220;das nach dem Rechten sehen&#8221; fällt erst recht nicht in Ihren Aufgabenbereich, Sie persönlich sind nur für den Saal eingeteilt und für sonst gar nichts und wenn Sie meinen anderorts etwas außer der Reihe bemerken zu haben, geben Sie bitte unserem Sicherheitsdienst Bescheid und nur diesem. Haben wir uns da richtig verstanden?!“<br />
„Ja natürlich ja.“<br />
„Und das Denken, das überlassen Sie das nächste Mal bitte jemandem Anderen und Befugteren. Jetzt stecken Sie sich vor allem Ihr Namensschild erst einmal richtig rum an und dann begeben Sie sich ohne Umwege auf die ihnen zugewiesenen Position und zwar schnell, denn das Event beginnt schon in wenigen Minuten!“ Verantwortliche mit Verantwortung, ihr Blondhaar war in das Neonlicht getaucht wie in einen faulig grellen Heiligenschein.</p>
<p>Ein Feuerwerk zu vorgerückter Stunde, pfeifend schossen die ersten Geschosse empor, zerfielen und erhellten das nachtdunkle Himmelsgewölbe. Perlenaugen, Lichterfell, Schweife fächerten sich drachengleich auf, orangerot, grünviolett, Brandkerne verdichten sich und vergingen wieder, der hinabrieselnden Funkenregen füllte die Luft wie eine Armada aus vergehenden Sternschnuppen.<br />
Applaus, Applaus und auf ein Neues. Gläserklirren und beschwingt beschwipstes Gelächter, auf der Terrasse drängelten sich die Gästescharen, ihre Leiber waren an die Balustrade gelehnt wie sturmerprobtes Astwerk und das Schuhwerk mit dem Terrakotta Boden felsenfest verankert.<br />
„Dürften wir mal hindurch.“ Zu erreichendes Ereignis, begehrlich begehrt und dicht bedrängt. „Bitte machen Sie uns doch mal ein wenig Platz, damit wir auch etwas zu sehen bekommen.“ Tief in die Menge eingetaucht und den Hals weit empor gereckt. Aida schob das Mädchen vor sich her wie eine zart beäugte Gliederpuppe. „Bitte, bitte, seien Sie doch so nett und rücken Sie ein wenig beiseite, nur für das Kind, damit es sich dieses entzückende Schauspiel auch mal aus nächster Nähe anschauen kann. Bitte und auch danke für Ihr Entgegenkommen.“ Sie erreichten den Balustradenrand, Lichterschwirren, Knallen, Knistern, Knacken und dann Funkenregen vor dem lichten Sternenzelt.</p>
<p>„Hallo, hallo und nochmals hallo!“ Charlie hämmerte gegen das Metall. „Hier sind wir, hinter der Türe, kann mal bitte jemand öffnen!“ Echolos, atemlos, still. Sie stoppte, das Blondhaar weit gesträubt und die Hände fest zu Fäusten geballt. „Verflucht was ist hier los, warum ist da draußen niemand auf seinem Posten, das kann doch einfach nicht wahr sein, sofort aufmachen und das ist ein Befehl!“ Verriegelt, verschlossen und zu, ein Griff, der sich nicht mehr bewegen ließ, nicht nach rechts, links, oben und unten. Die Türe, sie war nur noch eine stumm grelle Fläche im rau verputzten Wandgefüge.<br />
„Schnell, schnell.“ Sie packt Jule am Handgelenk. „Wir müssen ein Stockwerk tiefer, da gibt es noch einen Ausgang!“ Hastiges hinabstolpern im flackerig grellen Neonlicht, Stufe für Stufe, Sprung um Sprung.<br />
„Tschuldigung.“ Jule prallte an Halsstoff und parfumverschwitztes Fleisch. „Sorry man, tut mir echt Leid.“<br />
„Das hat gerade noch gefehlt, dass jetzt auch noch das Licht ausgeht.“ Unbeholfen tastete Charlie in der Dunkelheit umher. „Verdammt, wo ist der Schalter und los stehen Sie nicht so rum, sondern helfen sie mir!“ Sie angelte nach Jules Handgelenken und verfehlte sie. Das Geländer verwandelte sich in einen Eisstrang und die Treppenstufen in unergründlich tiefes Terrain. Weiter, weiter, tiefer, harzgetränkte Baumstämme und hinabgefallener Fledermauskot, raschelnd wispernd und windig nachtfeucht.<br />
„Bitte, wo sind Sie, lassen Sie mich doch hier in der Dunkelheit nicht so allein. Ich bitte Sie inständig, nein, ich befehle es Ihnen, helfen Sie mir den Schalter wieder zu finden und das dazugehörige Licht. Und bitte, bitte und auch danke, dass Sie sich bereit erklären dafür zu sorgen, dass es wieder hell wird in meiner Anordnung und Welt.“ Gesprengtes Betongefüge und fern feines Blätterrauschen, immer weiter und weiter und der Bodenbelag barg schon die ersten Larvenkäfer in sich. FEUCHTE ERDE.</p>
<p>Applaus, Applaus und auf eine Neues, knallend bunte Himmelssymphonie. Ein wiederholtes Emporschießen ließ die Menge aufwogen, Funkenregen ergoss sich über ihre Häupter und die Luft roch nach Rauchschwaden und frisch entzündeten Luntensträngen.<br />
„Schau her, wie wunder, wunderschön.“ Aida und das Kind, an die Balustrade gelehnt blickten sie in das Himmelszelt empor. „Du darfst keine Angst haben mein Schatz, denn da oben wohnen nur die Engel und sie feiern jetzt ein Fest. Sie tanzen, siehst du wie sie sich im Kreise drehen mit Kleidern, die aus Sternschnuppen gemacht sind und diamantenen Schuhspitzen. Wange an Wange und Hand in Hand.“ Lichtdurchflutete Dunkelheit, sie atmete, sie träumte, sie war. Hand in Hand und ganz allein zu zweit, ihr fülliger Leib war um den Mädchenkörper geschlungen wie eine Rosenblüte um den innersten Kern.<br />
Und über ihr ein Anklang von Nichts und ein Hauch von Leere. Silbermatt glänzender Rumpf und pesthauchiges Gefieder, noch in den Nachtwolken verborgen wie ein artenfremder Pegasus. Weit ausgestreckte Klauen, die sich nur nach Beute sehnten. Aufgezehrte Atemluft, atemlos, voll von Atem, ein Flugwesen, DER VOGEL. In die Atmosphäre eingetaucht, schwebte er rauschend über dem Gebäude und schoss dann pfeileisig schnell auf die Terrasse hinab. Die Lichterflut erlosch und der Terrakottaboden versank in einem wimmernd wogenden Schattenmeer.</p>
<p>„Hilfe, Hilfe, bitte zu Hilfe.“ Panikflucht in tiefster Dunkelheit. Männerbässe und Frauen-Arien und Hände, die in Gefiedertes griffen. „Nur weg, weg, es hat mich und ich habe ES!“<br />
„Sie dürfen dir nichts tun, nicht mir und auch sonst niemandem.“ Aidas Leib zitterte und ihr Haupt war über ein anderes gebeugt. „Maria im Himmel, bitte ich flehe dich an mache, dass nichts passiert, lege deine schützenden Hände auf uns und halte alles Schlimme von uns fern. Ich weiß, du hast die Kraft dazu, ich vertraue dir, mit meinem ganzen Herzen. Und bedenke auch, es ist nur ein Kind, das meiner Pflege und Schutz bedarf, vor Gottes Augen ein unschuldig Geschöpf, wohlriechend, weich und sanft, ein Katzennistplatz und ein bettenzartes Wesensetwas.“ Sie klammerte sich an dem Geländer fest wie eine Ertrinkende an die Reling. Wellen kamen auf und wogend faulige Pestwinde, Meeresbrisen, himmelshoch und eisig fern und dann klatschte Vogelkot hinab. Fischadler, Mäusebussard und ein Falke zur Jagd. Er keckerte, sie schrie, Meeresodeur tropfe hinab und Klauen bohrten sich in ihre Lenden. Er erfasste sie, sie klagte jämmerlich und rauschend flogen sie in die Nacht empor.</p>
<p>Der Flug und der Fall.<br />
Brausende Lüfte, wirbelnde Tiefe, höher, höher und weiter, die Feuergeschosse verpufften, hinter der Parkschwärze erschienen bereis die ersten Häuserreihen und Straßenzüge wandten sich durch die Nacht wie hell glitzernde Schlangenleiber.<br />
Aida hielt das Kind fest an ihr Herz gepresst, vergangene Mädchenjahre und knospender Rosenkeim, die Augen weit geöffnet und die Beine baumelten tief hinab. Es wurde schwerer und schwerer, zuckende Muskelfasern, brennende Lymphe und dann rutschte es endgültig aus ihren Armen und fiel in die Nacht hinab. Ätherwinde trieben es auf den Erdengrund zu und Sternschnuppen verglühten auf seiner zart erglühten Purpurhaut.<br />
Der Flug in den Vogelklauen und durch das Himmelszelt hindurch. Aidas Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei und atmete gärige Vogeldünste ein, Gefieder, Flaum und windige Fesselungen, sie angelte nach warmem Fleisch und fasste in Verwirbelungen und schwirrend kalte Leere. Kein Leib mehr, keiner, das Kind, das Mädchen, der Spross, sie hatte es verloren, an die Tiefe und an die Nacht. Ihr Gebein ächzte verlassen und in spröden Tonarten, Herzensleere, eine Leere am Herzen, atemlos, haltlos. Sie flogen, sie schwebten, höher, höher, weiter und bis weit über das Firmament und das all bekannte Sternenzelt hinaus.<br />
Gestirnenglanz und sirrend ferner Lichterreigen, die Schöpfungskälte empfing sie mit ihren eisdurchtränkten Lungenlappen, polarhell gleißend und mit vor Schlafstarre geöffneten Augenlidern, Kosmosodem spiegelte sich in der Retina wider und färbte die Wimpern dunkelviolett, der Flug, die Reise, der Schlummer. Aidas Körper war in sich zusammen gekrümmt wie eine in Bälde zu schlüpfende Leibesfrucht, Dornröschenschlaf, Jahrmillionen alt und mit verschlossenem Lippenfleisch, sie murmelte, sie hauchte, sie sprach. Sie schwieg.</p>
<p>„Das hätten sie nicht machen dürfen, niemals nie und sie empfangen jetzt die gottgewollte Strafe dafür, die Erde wird sich öffnen und faulige Winde werden ihr entweichen und Tausende von Schlangenleibern, frevelhaft nackt und tanzend wie zur letzten Offenbarung.“ Dann war sie losgerannt, denn aus dem Nachthimmel hatte sich der Höllengrund gesenkt, Blitze schlugen ein und Feuersbrünste umloderten sie haushoch. „Und rumhuren werden sie, alle miteinander, Leib an Leib, Geschlecht an Geschlecht, denn sie sind schlecht, haben gesündigt und sie können nichts anderes als sündig sein!“ Sie stolperte über Gras, schrabbte das Buschwerk und erreichte den Weg, kam abermals von ihm ab, taumelte und verlor dann endgültig den Halt.<br />
Kopfüber in den Teichgrund gestürzt wie einen alter Sickerstein, nur ihre Beine ragte aus dem Schilf hervor und bogen die Halme in Richtung des Wegesrandes um, weiß dürr und blass steif ergeben. Tief gesunken, kaum gefallen, Gewächse der Nacht und Auswüchse der Dämmerung. Die Flügelwinde verstummten, das Himmelfeuer erlosch und Mondlicht perlte an dem hell beschienenen Kiesweg ab.</p>
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